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„Der letzte Bulle“ und „Danni Lowinski“ auf Sat.1 Das Macho-Fossil und die Bürgerrechtlerin

Mit der tragikomischen Serie „Danni Lowinski“ und der vorweg gezeigten komödiantischen Krimiserie „Der letzte Bulle“ verbucht Sat.1 einen Doppelerfolg.

Danni Lowinski (Annette Frier) und Steuerprüfer Schüttke ((Bastian Pastewka) in der Episode "Zigeunerjunge". Foto: Frank Dicks/Sat.1

Mit der tragikomischen Serie „Danni Lowinski“ und der vorweg gezeigten komödiantischen Krimiserie „Der letzte Bulle“ verbucht Sat.1 einen Doppelerfolg.

Hohe Hacken, kurzer Rock, tiefes Dekolletee – das ist der optische Eindruck, mit dem die Anwältin Danni Lowinski (Annette Frier) Mandanten und Prozessgegner überrascht und nicht selten auch verwirrt. Der zweite Eindruck: großes Herz, Durchhaltevermögen und insgeheim immer noch ein bisschen mehr mitfühlende Friseurin als ausgekochte Advokatin. Denn da kommt Danni Lowinski her: Sie hat Friseurin gelernt, den zweiten Bildungsweg absolviert, Jura studiert und erfolgreich abgeschlossen. Weil noble Kanzleien aus einer Vielzahl von Bewerbern aussuchen können, sah sich Lowinski von Arbeitslosigkeit bedroht.

Doch auch das gehört zu ihren Charaktereigenschaften: Sie lässt sich nicht unterkriegen. Also eröffnete sie eine Discount-Rechtsberatung im Untergeschoss einer Einkaufspassage, in der B-Lage zwischen Kaffeestand, Münzmassagesesseln und Schlüsseldienst, dessen Betreiber rasch als eine Art Bürokraft in Dienst genommen wurde.

An ihrem Klapptisch empfängt Lowinski Menschen, die unter Missachtung der wahren gesellschaftlichen Verhältnisse der so genannten „Unterschicht“ zugeschlagen und damit verächtlich gemacht werden. Danni Lowinski müht sich stets mit ganzer Kraft, den Ausgestoßenen, Erniedrigten, Betrogenen zu ihrem Recht zu verhelfen. Nicht immer hat sie Erfolg. Aber allein der Versuch lohnt sich. Manchmal genügt es den Klienten schon, dass sie mit ihren Sorgen und Problemen ernstgenommen werden.

Mit der tragikomischen Serie „Danni Lowinski“ und der vorweg gezeigten komödiantischen Krimiserie „Der letzte Bulle“ verbuchte Sat.1 nach Quoten gemessen vom Start weg einen Doppelerfolg. Beachtlich nicht zuletzt, weil sich die Programme am Montagabend gegen starke Konkurrenz behaupten müssen. Es ist ein verdienter Lohn. Wo andere auf Importserien oder einfallsarm auf Kopien ausländischer Vorbilder setzen, hat Sat.1 über Jahre hinweg kontinuierlich eigene Unterhaltungsserien entwickelt.

Einigen begegnet man mittlerweile in den öffentlich-rechtlichen Programmen. Der NDR wiederholt sonntagmorgens „Edel & Starck“, der WDR zeigt mittwochabends „SK Kölsch“, eine Krimireihe mit einem offen schwul lebenden Kommissar. Auch Action-Serien hatten bei Sat.1 ein höheres Niveau als vergleichbare Produktionen der Mitbewerber, wie „GSG 9“ beweist, die man im Repertoire behalten hat und derzeit montags im Nachtprogramm wiederholt.

Unterhaltung mit gehobenem Anspruch

Einigen Serien mit hohem Potenzial wie „Dr. Molly & Karl“ oder „Plötzlich Papa – Einspruch abgelehnt!“ blieb der verdiente Erfolg versagt; sie wurden – vielleicht zu früh – nach wenigen Folgen abgesetzt. Umso erfreulicher, dass Sat.1 mit „Danni Lowinski“ wiederum eine Unterhaltungsserie mit gehobenem Anspruch in Auftrag gab.

Die erste Folge der dritten Staffel zeigte exemplarisch, was den Reiz dieser Geschichten ausmacht: Lowinskis soziale Beziehungen und Amouren sind ebenso sorgfältig entworfen wie ihre Rechtsfälle, die sie mit leidenschaftlichem Engagement, großer Klappe und frechem Mutterwitz angeht. Mit leichter Hand beziehen Head-Autor Marc Terjung („Edel & Starck“) und sein Team das aktuelle gesellschaftliche Geschehen mit ein und liefern im Gewand heiterer Unterhaltung Diskussionsgrundlagen und Denkanstöße. Abschiebung, Eigenverantwortung von Behinderten, das Leben im Problemviertel mit dem auf einen Rollstuhl angewiesenen Vater – allesamt Inhalte, die andere Serienproduzenten nicht mit der Kneifzange anfassen würden, die hier aber unaufdringlich und teils amüsant in die Handlung integriert werden.

Auch darin liegt die besondere Qualität der zudem mit viel Sorgfalt inszenierten Serie: Misserfolge, sogar Verzweiflung bekommen den gebührenden Platz eingeräumt, ohne dass der Unterhaltungsfaktor leidet. Ein besonderer Triumph für den Sender: Das Serienformat konnte in die USA verkauft werden, wo der Sender The CW eine Pilotfolge produzieren ließ. Die fand zwar keine Gnade bei den Programmverantwortlichen, doch scheint in dieser Sache das letzte Wort noch nicht gesprochen. Einer Meldung des Branchenblattes „Variety“ zufolge wurde die Autorin und Produzentin Jennie Snyder Urman („Men in Trees“; „90210“) mit einer Überarbeitung beauftragt.

„Der letzte Bulle“ bleibt ein wenig zurück

Im direkten Vergleich mit „Danni Lowinski“ bleibt die vorausgehende Serie „Der letzte Bulle“ ein wenig zurück. Deren Autoren stehen vor dem Problem, dass sich die ursprüngliche Ausgangssituation allmählich verliert: Mick Brisgau (Henning Baum) war in den 80ern ins Koma gefallen, wachte überraschend auf und kehrte in den Polizeidienst zurück. Aus dem Kontrast zwischen den unterschiedlichen Verhaltensweisen und Weltbildern und der Begegnung mit der modernen Technik ließen sich eine Zeitlang komödiantische Funken schlagen.

Nun, mit Beginn der dritten Staffel, bedarf es anderer dramaturgischer Erwägungen. Nicht schlecht der Kniff, die zweite Staffel mit einem Cliffhanger enden zu lassen: Kaum hatte Brisgau seiner Psychotherapeutin Tanja Haffner (Proschat Madani) endlich seine Liebe gestanden, wurde diese von einem Verbrecher niedergeschossen. Nach einer kurzen Rückblende kam nun die Entwarnung: Haffner hat überlebt. Und soll, als Folge des erlittenen Traumas, ihrerseits eine Psychotherapie beginnen. Was sie nun ebenso ablehnt, wie es Mick Brisgau lange Zeit ihr gegenüber getan hat.

Neben der mit gepfefferten Dialogen gewürzten Liebesgeschichte müssen beiläufig noch Morde geklärt werden. Schwächer als bei „Danni Lowinski“, aber doch deutlich lassen sich auch hier Bezüge zur gesellschaftlichen Wirklichkeit erkennen. Die aktuelle Folge führte in das Milieu jener Firmen, die im Auftrag anderer „Freisetzungen“, mithin Entlassungen vornehmen und erkundete die Ängste und Verletzungen, die ein Arbeitsplatzverlust mit sich bringt.

Unangenehm bleibt bei dieser Serie der aufdringliche Musikeinsatz, der keine dramaturgischen, sondern gewerbliche Gründe hat und dementsprechend nicht immer schlüssig wirkt: Die in schneller Taktzahl eingespielten Titel finden sich auf den CDs zur Serie. Eigentlich müssten die Episoden also durchgängig mit dem Logo „Dauerwerbesendung“ gekennzeichnet werden.

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