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„Der Krieg meiner Tochter“, Als könnten Frauen nicht denken

Rachid Boucharebs Film „Der Krieg meiner Tochter“ entpuppt sich als im Grunde von einem reaktionären Frauenbild geprägt.

23.04.2016 08:12
Irit Neidhardt
Elodie (Pauline Burlet) führt schon seit längerem ein Doppelleben. Im Geheimen verhüllt sie sich und betet zu Allah. Foto: Arte//3B/Roger Arpajou

Ausgangspunkt von Rachid Boucharebs „Der Krieg meiner Tochter“ oder „La Route d’Istanbul“, wie der Spielfilm im Original heißt, ist Belgien, die Route führt in den Dschihad nach Syrien. Ihre Welturaufführung feierte die Arte Cinema Koproduktion im Februar auf der Berlinale, geschrieben hat Bouchareb das Drehbuch lange vor den Anschlägen in Paris und in Brüssel. Wie erzählt man von Schicksalen, die unter dem Thema Terror subsummiert werden?

Bouchareb wählte eine ruhige unspektakuläre Form, was dem Thema gut zu Gesicht steht. Bereits seit den Kriegen in Bosnien und in Tschetschenien in den 1990er Jahren ziehen junge Europäerinnen und Europäer in den Heiligen Krieg. Ein Ende ist nicht abzusehen, nur die Destinationen ändern sich.

„Der Krieg meiner Tochter“ erzählt von der alleinerziehenden Mutter Elisabeth (Astrid Whettnall), die mit ihrer 18-Jährigen Tochter Elodie (Pauline Burlet) in der belgischen Provinz lebt. Elodie wuchs vaterlos auf, wurde dafür in der Schule gehänselt und hatte nur ihre Mutter; sie habe schlechten Umgang gehabt und dann Manuel, einen gläubigen Muslim kennengelernt. Sie brauchte Gott in ihrem Leben. All das erzählt Elodie in einem Facebook-Video, das sie aufnimmt, bevor sie Richtung Syrien verschwindet. Elisabeth, die nichts mitbekam und nicht versteht, was ihre Tochter mit dem Krieg zu tun hat,  begibt sich auf eine Reise durch die Türkei bis an die syrische Grenze, um Elodie zu suchen und zurück zu holen.

Eine Frau ohne viel Innenleben

Thema, Tempo und das Drehbuchteam, in dem außer Bouchareb unter anderem Mohammed Moulessehoul aka Yasmina Khadra zu finden ist, lassen auf einen analytischen oder reflektorischen Blick auf das Phänomen der Gotteskriegerinnen und -krieger hoffen – vergebens. Die Geschichte ist ganz auf die Einsamkeit und Verzweiflung der Mutter reduziert. Zwar verweist der Film anhand der Stationen, die Elisabeth durchläuft, immer wieder darauf, dass ihr Fall kein Einzelschicksal ist, doch weitere Beispiele werden nicht angerissen. Das Roadmovie, das gleichzeitig die innere Reise der Mutter beschreibt, zeigt eine Frau ohne viel Innenleben.

Der Film kommt unpolitisch daher, was er aber nicht ist. Bisher konnten keine erkennbaren politischen, sozialen oder psychologischen Muster oder Bedingungen ausgemacht werden, die dazu führen, dass Menschen sich entscheiden, am Dschihad teilzunehmen. „Der Krieg meiner Tochter“ begründet Elodies Werdegang mit den zerrütteten Familienverhältnissen und der arbeitenden Mutter. Diese sucht erst jetzt, wo Elodie weg ist, Kontakt zu ihr, statt es rechtzeitig zu tun, als das Kind sie gebraucht hätte, so legt es das Drehbuch nahe und so bestätigt es Bouchareb in einem Berlinale-Interview.

Elisabeth handelt ausschließlich emotional, als würden Mütter nicht denken, als könnten sie weder reflektieren noch als politische Subjekte handeln, als unterlägen sie keinen ökonomischen Zwängen. Dieses reaktionäre und simplizistische Frauenbild wird in letzter Zeit erschreckend häufig in Film und Fernsehen zur platten Erklärung komplexer und brennender gesellschaftlicher sowie politischer Fragen herangezogen. Am prominentesten wohl in Til Schweigers heiterem Alzheimer-Roadmovie „Honig im Kopf“. In keinem Fall trägt dies zum Verständnis des Sachverhalts bei.

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