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„Der Kommissar und das Meer: Lichterfest“ Anschlag auf Santa Lucia

Der Krimi ist ein jeder Hinsicht sehenswertes Gotland-Drama: interessante Geschichte, gut ausgewählte schwedische Schauspieler und eine vorzügliche Bildgestaltung.

Der Kommissar und das Meer
Kommissar Thomas Wittberg wird beim „Lichterfest“ Zeuge eines Mords. Foto: Stephan Rabold/ZDF

Zwei Tage nach dem Lucia-Fest zeigt das ZDF ein Krimidrama, in dem die beliebte schwedische Tradition eine große Rolle spielt; wenn auch auf denkbar tragische Weise. Bei dem Brauch zieht eine Gruppe weißgekleideter Mädchen mit Kerzen in die Kirche ein. So beginnt auch  „Lichterfest“, der 25. Film aus der Reihe „Der Kommissar und das Meer“: Robert Sanders (Walter Sittler) besucht mit seiner Familie einen Gottesdienst, als das Kleid der Lucia-Darstellerin plötzlich in Flammen aufgeht. Es gelingt ihm zwar, das Feuer zu löschen, aber die Verbrennungen sind zu stark; Malin, gerade mal 15 Jahre alt, erliegt ihren Verletzungen. Doch was zunächst wie ein schrecklicher Unfall wirkt, entpuppt sich als perfider Anschlag. Um solche Unglücke zu vermeiden, wird das Kleid der Lucia-Darstellerin imprägniert, aber irgendjemand hat die entsprechende Lösung gegen Brandbeschleuniger ausgetauscht. Als sich rausstellt, dass Malin kurzfristig für die erkältete Nora eingesprungen ist, geht Anders davon aus, dass ihr der Anschlag galt. Vor gut einem Jahr gab es einen Busunfall, bei dem zwei Mädchen gestorben sind. Der Besitzer des Busunternehmens, Bo Björklund, erhält seither Morddrohungen; Nora ist seine Tochter.

Während die Regisseure bei den meisten Reihen regelmäßig wechseln, setzt das ZDF bei „Der Kommissar und das Meer“ auf Kontinuität. „Lichterfest“ ist bereits die neunte Episode, die Thomas Roth für die Gotland-Krimis inszeniert hat. Er hat die Reihe von Miguel Alexandre übernommen, der den ohnehin meist düsteren Geschichten die passende Verpackung gab, indem er die Drehzeit in den Winter verlegte. Roths letzter Beitrag, „Der wilde Jack“, spielte noch  im Frühling, aber „Lichterfest“ konnte natürlich nicht im Sommer gedreht werden. Anders als Alexandre sorgen Roth und Arthur W. Ahrweiler diesmal jedoch für eine sehr angenehme Atmosphäre. Gerade die Innenaufnahmen sind dank eines speziellen Lichts von ähnlich stimmungsvoller Behaglichkeit wie bei einem Weihnachtsfilm, zumal die Lichtquellen gerade in den halbdunklen Szenen sehr akzentuiert platziert worden sind. Ahrweiler ist einer der erfahrensten deutschen Kameramänner, hat gemeinsam mit Roth bereits dessen frühere Schweden-Krimis gedreht und war auch bei seinen in jeder Hinsicht sehenswerten Beiträgen zur ARD-Reihe „Kommissar Dupin“ für die Bildgestaltung verantwortlich. 

Der Film ist jedoch nicht nur schön anzuschauen. Schon seit einiger Zeit sind Hauptdarsteller Walter Sittler und Andy Gätjen als sein nicht immer pflegeleichter Kollege Thomas Wittberg die einzigen deutschen Mitwirkenden, aber die einheimischen Gastschauspieler sind ausgezeichnet ausgewählt; selbst wenn es zu Beginn etwas schwierig ist, angesichts der diversen bärtigen Männer mit Mütze den Überblick zu behalten. Recht bald zeigt sich jedoch, dass es neben Henrik Akesson (Christian Hillborg), dem Vater eines der beim Busunglück gestorbenen Mädchen, einen weiteren Verdächtigen gibt: Der damals völlig übermüdete Fahrer des Unfallbusses, Jonas Nyborg (Gustaf Hammarsten), hat stets beteuert, sein Chef habe ihn zu der Fahrt gezwungen. Zur vorzüglichen Umsetzung gehört auch die Einbettung der Rückblenden vom Busunglück. Roth beschränkt sich zunächst auf kurze Impressionen einer nächtlichen Szenerie mit Blaulicht, Feuerwehr und Flammen. Die Bilder sind gerade durch ihre Kürze umso wirkungsvoller. 

Das Drehbuch ist der erste Gotland-Krimi von André Georgi. Der Autor hat einige Episoden für die ZDF-Reihen „Unter anderem Umständen“ geschrieben und verschiedene Adaptionen besorgt, darunter neben den Ferdinand-von-Schirach-Reihen „Verbrechen“ und „Schuld“ auch die stille Siegfried-Lenz-Verfilmung „Die Flut ist pünktlich“ (2014). Bei „Lichterfest“ ist vor allem die Kombination des Falls mit Anders’ Privatleben gelungen. In manchen Krimireihen laufen diese beiden Ebenen oftmals bloß nebeneinander her, mitunter wirken die Einschübe gar wie ein Fremdkörper. Ähnlich wie einst bei „Stubbe – von Fall zu Fall“ spielte die Familie bei „Der Kommissar und das Meer“ immer schon eine wichtige Rolle. Diesmal stellt diese Ebene eine besonders interessante Ergänzung dar, zumal Lilly (Jennifer Lee), die Freundin von Anders’ Stiefsohn Kasper (Grim Lohman), ebenfalls zu den Lucia-Mädchen gehörte: Emma (Frida Hallgren), Kaspers Mutter, hat die Beziehung zu Anders beendet und lebt jetzt in Stockholm, aber Kasper will nicht mit. Was andere Autoren vermutlich als Anlass für allerlei Drama genutzt hätten, erzählt Georgi ruhig und sachlich, schließlich ist der Fall schon dramatisch genug. Trotzdem gelingt es Roth, auch auf dieser Ebene dank seiner Arbeit mit den gut synchronisierten einheimischen Mitwirkenden viel Empathie herzustellen. Für den Hauptdarsteller gilt das ohnehin; Walter Sittler gehört zu den Schauspielern, die sogar den Vorgang des Denkens verkörpern können. Dank der komplexen Charaktere und der sorgfältigen Bildgestaltung kann es sich Roth leisten, völlig auf vordergründige Effekte zu verzichten, was zur Folge hat, dass die einzige Ausnahme umso wirkungsvoller ist: Als Akesson, der verbitterte Vater, mit dem Finger auf Björklund zielt und so tut, als würde er eine Pistole abdrücken, fällt tatsächlich ein Schuss; aber nur auf der Tonspur.

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