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„Der gute Göring“ Nicht alle waren Mörder

Das Dokumentarspiel „Der gute Göring“ ist ein filmisches Denkmal für den zu Unrecht in Vergessenheit geratenen Bruder des Reichsmarschalls. 

10.01.2016 10:25
Von Tilmann P. Gangloff
Albert (links) ist der "gute Göring". Foto: NDR/Beate Wätzel

Spielfilmlange Mischungen aus Interviews, zeitgenössischem Material und großem inszenierten Anteil tragen in der Regel des Etikett „Dokudrama“. Dass die ARD den Film „Der gute Göring“ ausdrücklich ein „Dokumentarspiel“ nennt, hat gute Gründe. Tatsächlich sind die gespielten Passagen anfangs sogar gewöhnungsbedürftig, weil Regisseur Kai Christiansen sie in seiner Abhandlung über die Brüder Hermann und Albert Göring offenbar bewusst theaterhaft konzipiert hat; Francis Fulton-Smith legt den feisten Reichsmarschall zudem mit rollendem R wie eine überlebensgroße Bühnenfigur an. Dass er immer wieder mal aus der Untersicht gefilmt wird, verstärkt diesen Eindruck noch. Der Kontrast zum vergleichsweise schmächtigen Albert (Barnaby Metschurat) sorgt dafür, dass Hermann noch wuchtiger wirkt.

Im Rahmen eines Films, der einen eindeutig dokumentarischen Anspruch hat, ist das zunächst irritierend, aber andererseits war der barocke Göring natürlich eine von ihm selbst erschaffene Kunstfigur. Außerdem ist es gerade dieser Gegensatz zwischen den ungleichen Brüdern, der den Reiz des Films ausmacht. Sandra Maischberger ist vor einigen Jahren durch den „Spiegel“ auf die Doppelbiografie gestoßen: hier der Gestapo-Gründer und Hitler-Stellvertreter, dort der jüngere und nahezu unbekannte Albert, der vielen Juden das Leben gerettet hat. Das filmische Potenzial des Stoffes liegt ebenso auf der Hand wie bei der Geschichte des blinden Fabrikanten Otto Weidt, der seine jüdischen Mitarbeiter vor Übergriffen durch die Nazis geschützt hat („Ein blinder Held“); auch diesen Film hat Maischbergers Produktionsfirma Vincent TV hergestellt.

„Der gute Göring“ ist jedoch deutlich reduzierter, und das keineswegs bloß, weil das  Dokumentarspiel ohne Zeugnisse aus erster Hand auskommen muss: Die Zeitzeugen leben allesamt nicht mehr. Zu Wort kommen daher Angehörige der Menschen, die Albert Göring gerettet hat, sowie seine Tochter und Stieftochter.

Im Zentrum steht das Verhältnis der Brüder

Im Zentrum des Films stehen aber ohnehin nicht die Heldentaten, sondern das Verhältnis der beiden Brüder, deren Lebenswege in fünf Akten erzählt werden. Spätestens bei den Spielszenen zeigt sich, wie klug die Entscheidung war, zwei Autoren zu engagieren: Gerhard Spörl deckte den historischen Teil ab, Jörg Brückner war für die Dialoge zuständig. Zwar führt ein Erzähler durch den Film, doch der Kommentar sorgt in erster Linie für die historischen Hintergründe; das Verhältnis der beiden Brüder und ihre Unterschiedlichkeit kommen vor allem über ihre Gespräche zum Ausdruck.

Nicht minder wichtig ist all das, was unausgesprochen bleibt. Körperlich und dialogisch betont der Film die Distanz zwischen Hermann und Albert. Dass sie sich dennoch immer wieder treffen, kann nicht allein pragmatische Gründe gehabt haben. Bei aller Verschiedenheit hegten sie offenbar auch brüderliche Gefühle füreinander, wie Brückner anhand eines gemeinsamen „Bel Ami“-Duetts  verdeutlicht.  Die fünf Begegnungen, von denen „Der gute Göring“ erzählt, sind allesamt verbürgt, aber Gesprächsprotokolle gibt es natürlich nicht. Brückner hat Albert einige sarkastische Dialoge in den Mund gelegt, die jedem anderen den Kopf gekostet hätten.

Natürlich erzählt der Film auch die Geschichte von Aufstieg und Niederschlagung des Nationalsozialismus. Zu Beginn (1923) ist Hermann Göring ein Weltkriegsheld ohne Zukunft, während sein Bruder am Beginn einer vielversprechenden Karriere steht; Jahre später ist Hermann ein Nazibonze, der mit seinem Reichtum protzt, während Albert aus seiner Ablehnung des „Dritten Reichs“ keinen Hehl macht. Insgesamt hat er wohl an die tausend Juden zur Flucht verholfen; allein die schützende Hand des Bruders hat ihn davor bewahrt, selbst im KZ zu landen. Nach dem Krieg entpuppte sich der berühmte Name allerdings als Fluch: Die Alliierten konnten sich schlicht nicht vorstellen, dass es auch einen „guten Göring“ gab, die Deutschen wollten nicht an die Untaten aus der Nazizeit erinnert werden. Albert Göring starb 1966 verarmt und ungewürdigt; ein filmisches Denkmal für diesen unbekannten Helden war überfällig.

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