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„Der Geiger von Florenz“, Arte Was gute Filmmusik tun sollte

Uwe Dierksens Komposition zu Paul Cinners Liebes-Verwirr-Komödie „Der Geiger von Florenz“ in der Reihe mit filmhistorischen Kostbarkeiten bei Arte.

Der Geiger von Florenz
Renée (Elisabeth Bergner, li.) steht dem Maler (Walter Rilla, re.) Modell. Foto: ZDF

Filmmusik, so ein weit verbreiteter Meinungssatz, sei dann gut, wenn man sie nicht bemerkt. Wenn man sich diese scheinbar allgemeine Aussage genauer anschaut, merkt man: Sie gilt nur für so genannte Tonfilme, wo der Fluss der Bilder und die Dialoge genug Wahrnehmungsmaterial bieten und die Musik im Untergrund verschwindet, von wo aus sie ihre Wirkung entfalten kann. Ganz anders liegt der Fall beim Stummfilm: Hier ist Musik im besten Fall Teil des Films und seiner Handlung, ist Interpret, Stimmungslieferant, Kommentator, Füllmaterial. Gegen Ende der 20-er Jahre hatte sich Filmmusik zu einem kunstreich-komplexen Medium mit reichem Vokabular und großer handwerklicher Finesse entwickelt. Und manchmal wurde die Musik zu einem Film gar ein eigenständiges Kunstwerk, das seinen historischen Platz auch ohne den Film erhielt.

Paul Cinners Liebes-Verwirr-Komödie „Der Geiger von Florenz“ aus dem Jahre 1926 ist ein Film, der große Mühe hätte, ohne Musik zu seinem Publikum zu sprechen. Die in Wiesbaden ansässige Murnau-Stiftung, die sich um die Sicherung des chronisch gefährdeten Bestandes an Stummfilmen verdient macht, hat mit der Bertelsmann-Stiftung und dem Fernsehsender Arte eine Rekonstruktion dieses Films aus verbliebenen Resten gefördert, und nun ist der Film bei Arte zu sehen – mit Musik, für die der Frankfurter Komponist Uwe Dierksen, Mitglied des Ensemble Modern, verantwortlich zeichnet. 

Für den  „Geiger von Florenz“ hat er Musik geschrieben, die den Film von der ersten bis zur letzten Sekunde begleitet, jeweils mit unterschiedlichen Haltungen. Manchmal weiß die Musik etwas früher als der Zuschauer, was gleich geschehen wird, dann folgt sie dem Film in eine Entschleunigungs-Phase und kommentiert etwa eine Gesichtsausdrucks-Einstellung; sie ist mal dramatisch und mal lustig und exaltiert, und hin und wieder lächelt sie aus ironischer Distanz und spielt souverän mit Klischees. Sie schildert, was in den handelnden Personen gerade vorgeht, warum ihre Stirn umwölkt oder wann ihnen mit pubertärem Überschwang einfach zum Jubeln zumute ist. Sie zeigt sogar, wann wir die Grenze zwischen der Schweiz und Italien überqueren. Und sie verrät sehr lange nicht, ob es zu einem happy end kommen wird. 

Es ist keine opulente Orchestermusik, sondern, der Luftigkeit der Filmhandlung angemessen, eine transparente, mehrstimmige und zuweilen in den Solostimmen polarisierte Musik, eingespielt von einem Quartett aus Geige (Diego Ramos), Cello (Hugo Rannou), verschiedenen Tasteninstrumenten (Neus Estarellas) und Posaune (Miguel Casas). Als kompositorischen Giganten am Horizont dieser Musik kann man, wenn man will, den großen Kurt Weill, einen Zeitgenossen des Stummfilms, ausmachen. 

Der Film erzählt eine eifersüchtige Vater-Tochter-Stiefmutter-Geschichte, die selbstredend glücklich endet. Analog zur Dramaturgie übernimmt auf der Tonspur die Geige, als weibliches Instrument, den führenden Part, und liefert sich ein anmutiges Wechsel-, Kontrapunkt- oder Unisono-Spiel mit der Posaune, die die männliche Stimme in der Handlung markiert. Wobei die weibliche und die männliche Seite nicht immer nur aus einer Person bestehen. Zwischen beiden changiert Elisabeth Bergner, anmutig und androgyn, in ihrer Hauptrolle. Die Musik schweigt keinen Augenblick und wirkt dennoch nie vorlaut oder aufdringlich. So muss gute Filmmusik sein.

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