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„Der Auf-Schneider“, ARD Oberhalb der Wolkendecke

Ein ARD-Film über den Frankfurter „Baulöwen“ Jürgen Schneider und seine Geldgeber.

Der Auf-Schneider
Reiner Schöne als Jürgen Schneider. Foto: MDR/Saxonia Entertainment/Axel Berger

Eine journalistische Grundregel besagt: keine Scherze mit Eigennamen. Dagegen haben die Autoren Hans Christian Schulz und Benjamin Quabeck schon mal verstoßen mit ihrem Film-Titel „Der Auf-Schneider“. Aber das ist eher eine lässliche Sünde im Vergleich zum größeren Problem, das ihre Mischung aus Dokumentarszenen, Zeitzeugen-Interviews und Spielhandlung hat. Ihr Versuch, den Weg des Frankfurter Bauunternehmers Jürgen Schneider zum Hochstapler nachzuzeichnen, will zuviel auf einmal. Denn außer der Außensicht auf die Betrügereien des „Baulöwen“ und seine willfährigen Helfer aus der Deutschen Bank (und anderer Geldinstitute) wollten Schulz und Quabeck auch eine Innensicht präsentieren. Dafür haben sie sich fiktive Szenen ausgedacht, bei denen Reiner Schöne und Gesine Cukrowski das Ehepaar mimen. Das wäre besser unterblieben, obwohl die Schauspieler ihre Sache so schlecht nicht machen. 

Der ermattete Schneider mit einer Krone auf dem Kopf

Es wirkt unbeholfen, wenn die Gattin mit hessischem Zungenschlag ihren Jürgen nach seinen Manipulationen fragt, während er meist mit umwölkter Stirn über Papieren brütet. Hölzern wirken da ebenfalls die Dialoge. Auch doppelt die Regie Szenen unnötig, etwa von Silvester 1994, wenn das Paar zusammen mit ihrem „Babysitter“ Poletti feuchtfröhlich feiert, man danach aber die Originalfotos vom Abend sieht, wo der sichtlich ermattete Schneider mit einer Königskrone auf dem Kopf posiert. 

Die weitgehende Konzentration auf das Auftreten und bald folgende Abtauchen der Schneiders verschiebt das Gewicht etwas zu sehr weg von den „Partnern“, die der Hochstapelei auf den Leim gingen. Es hätte ruhig ein paar Bilder mehr geben dürfen von den Politikern, die sich mit der Gegenwart des zunächst erfolgreichen Investors schmückten. 

Zwar wird das Zutun der Banken durchaus kritisch geschildert, doch hätte man die grotesken Fehleinschätzungen und die Blindheit der Finanziers schärfer hervorheben können. Selbstredend kommt das vom damaligen Deutsche-Bank-Chef Hilmar Kopper in die Welt gesetzte „Unwort des Jahres“ von den „peanuts“ vor. Doch wenn am Ende der Protagonist selbst zu Wort kommt, kann er nicht zu Unrecht darauf verweisen, dass man heute anders, wachsamer und kritischer mit den Bankern umgehen würde. 

Wie nachlässig, ja im Wortsinne blindlings Schneiders Vorgaben gefolgt wurde, zeigt das Beispiel der Frankfurter Zeilgalerie. Da hatte Schneider, um mehr Kredit zu erhalten, die Angaben zur Ladenfläche „nachgebessert“, von ursprünglich 9000 auf 20 000 Quadratmeter. Am Bauschild aber war nach wie vor zu lesen: „9000 Quadratmeter“. Diese Sequenz machte das Verhältnis von Schneider zu seinen Geldgebern besonders augenfällig. Michael Prinz von Sachsen Weimar, seinerzeit in der Mannheimer Niederlassng der Deutschen Bank zuständig für Schneider, bringt die Atmosphäre, in der diese Ignoranz möglich war, auf den Nenner: „Dort agiert man oberhalb der Wolkendecke.“

Gelungen ist die Verwendung des Split-Screens für die Parallelität von seriösem Auftreten des Unternehmers und seinem Drahtseilakt, um den Schein zu wahren. 

Ansonsten sind es die üblichen filmischen Mittel, mit denen die Autoren die Geschichte erzählen, wobei die Zeitzeugen wie der Staatsanwalt, Richter, auch ein Zielfahnder des BKA das Gerüst liefern, wenngleich sie als „Talking Heads“ abgefilmt werden. Ganz am Ende versuchen die Autoren zu begründen, warum es wichtig ist, an einen Skandal von vor fast 25 Jahren zu erinnern: In der überhitzten Atmosphäre auf den Finanzmärkten und infolge der Digitalisierung, die alle Beziehungen abstrakter werden lasse, seien Betrügereien wie die von Schneider immer noch denkbar. Wir werden’s erleben.

„Der Auf-Schneider“, ARD, 20.15 Uhr. 

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