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„Debbie Harry - Atomic Blonde“, Arte Barbarella auf Speed

Der Filmautor Pascal Forneri blättert sich durchs Archivmaterial zu Debbie Harry und der Band Blondie und lässt so manche Frage offen.

Debbie Harry
Arte zeigt eine Dokumentation über Debbie Harry und Blondie. Foto: (ARTE France)

Als die Band Blondie im vergangenen Jahr ihr Album „Pollinator“, das elfte ihrer Karriere, veröffentlichte, las man vergleichsweise wenige Rezensionen. Anders als in den Hochzeiten der Combo, als sie weltweit in den Hitparaden rangierte und neben eingängigen Singlehits auch bemerkenswerte, oft überraschende Studioalben vorlegte. Gegründet worden waren Blondie 1974 auf Initiative von Deborah Harry und Chris Stein. 1982 gab es einen ersten Bruch, 1997 fand man wieder zusammen. Seither ist die Band in wechselnden Besetzungen, mit Sängerin Debbie Harry und Gitarrist Chris Stein als Kern, ununterbrochen aktiv, gibt Konzerte, veröffentlicht neue Titel auf ihrer Webseite und auch komplette Alben.

Die Geschichte dieser Band und ihrer einzelnen Musiker ist reich an Dramatik und wäre ein dankbares Sujet für einen Hollywood-Film. Das Genreschema wird mustergültig erfüllt: aus der Gosse zu den Sternen, vom Management und der Plattenfirma getrieben, Zwist unter den Bandmitgliedern, Drogenkonsum, schwere Krankheit, überraschendes Comeback Marke Phönix aus der Asche.

Vom Blumenkind zur New-Wave-Ikone

Der französische Filmautor Pascal Forneri erzählt diese Geschichte in Form einer Montage aus Archivmaterialien, die stellenweise durch comic-artige Zeichnungen des britischen Illustrators und Art Directors Jacob Phillips ergänzt werden. Phillips versteht sich auf pointierende Motive. So zeigt er Harry einmal in Anlehnung an das Plakat des B-Film-Klassikers „Angriff der 20-Meter-Frau“ als Riesin über einer typischen New Yorker Straßenflucht, an der Leuchtreklamen für die Clubs „Studio 54“ und „CBGB“ werben. Gut getroffen, denn Blondies Musik hatte ihren Nährboden in der New Yorker Avantgarde- und Punk-Szene der frühen Siebziger, flottierte zwischen New Wave, Reggae, Disco, Rap und griff auch schon, infiziert von Giorgio Moroder und Kraftwerk, elektronische Elemente auf.

Wer die Bandgeschichte und die musikalische Entwicklung der Popgruppe Blondie bislang nicht oder kaum kannte, wird durch Forneris Bilderbogen recht gut informiert. Da er sich auf die Frontfrau Deborah Harry konzentriert, kommen auch die Vorgeschichte und eher unerwartete musikalische Engagements zutage. Die aus bürgerlichen Verhältnissen stammende, von ihren Eltern adoptierte Harry begann ihre Sangeskarriere in einer Folkrock-Band der Sechzigerjahre – vergleichbar: It‘s A Beautiful Day, Sweetwater, Pentangle – im New Yorker Bohemeviertel Greenwich Village. Nach einer drogenbedingten Auszeit kehrt sie nach New York zurück, wo sich inzwischen eine neue Subkultur herausgebildet hat. Sie wirkt neben Bandgründerin Elda Gentile und Rosie Ross als dritte Sängerin in der Rockband The Stilletoes mit, inszeniert sich als blondierte Wiedergeburt Marilyn Monroes, aber anders als jene mit offensiv und überlegen zur Schau gestelltem Sexappeal. Iggy Pop beschreibt sie zutreffend als „Barbarella auf Speed“. In diese Zeit fällt die Begegnung mit Chris Stein. Aus den zerfallenden Stilletoes entstand Blondie.

Gebändigte Energie

Mit dem Cover „Denis“ verzeichnen Blondie ihren ersten Charterfolg. Die Plattenfirma aber ist nicht zufrieden und verordnet ihnen den Hitlieferanten Michael Chapman als Produzenten. Weil ihr Produzent sie aus ihrem alten Plattenvertrag herauskauft, häufen sie Schulden an. Pascal Forneri spricht diese Probleme, denen weitere folgen werden, sehr wohl an, geht aber nie auf die Hintergründe ein und erkundet auch die Auswirkungen nicht. Schon damals bemerkten Musikkritiker, dass Debbie Harry nach dem stilistischen Wechsel vom stürmischen New Wave des Debütalbums zum Pop bei ihren Auftritten domestiziert wirke. Vorbei waren die Tage des ungezügelten Herumtollens auf der Bühne und der Knutschorgien mit den Fans in der ersten Reihe. Debbie Harry folgte dem, was in den USA bis heute als Erfolgsrezept bewährt ist: sexy und verheißungsvoll, aber nicht provokant und bloß nicht explizit. Viele taten es ihr später nach: Madonna natürlich, auch Gwen Stefani, in Großbritannien wenig glücklich Wendy James von Transvision Vamp, in Frankreich Muriel Laporte von Niagara.

Forneri rühmt in seinem Kommentar, dass Debbie Harry nie Objekt sei, „sondern ihre Verführungskraft bewusst ausspielt. Ohne jede Aggressivität. Sie amüsiert sich, hat einen einzigartigen Look und wahrt eine anziehend geheimnisvolle Distanz. Aber es ist keine Kunstfigur, sondern ganz und gar Deborah Harry selbst, die verführt.“

Unaufgelöste Widersprüche

An dieser Aussage darf man zweifeln. Nicht auf allen Film- und Fotoaufnahmen aus dieser Zeit sieht sie „amüsiert“ aus, ausgenommen natürlich die offiziellen Bilder, die im Studio gestellt wurden. Der Kommentar bemerkt dann schließlich doch, der früheren Aussage komplett widersprechend: „Debbie droht in ihrer Blondie-Figur zu ersticken.“

In einem Ausschnitt aus der Sendereihe „TV Party“, die Chris Stein mit Glenn O‘Brien für einen offenen Kanal in New York produzierte, zeigt sich Harry weit weniger kontrolliert als im Band-Rahmen. Nicht im Film enthalten ist ein Auftritt mit der Hausband der Jazz-Sendung „Night Music“ mit Top-Jazzmusikern wie David Sanborn. Da wirkt Debbie Harry weitaus persönlicher als in den meisten Popshows, scheint ganz bei sich und dankbar zu sein.

Hier zeigt sich die Crux, wenn eine Dokumentation allein aus vorliegendem Material zusammengefügt wird. Augenscheinlich hat Forneri mit keinem der Beteiligten selbst gesprochen, sondern baut auf Materialien, die durch die Filter der Imageproduzenten gegangen sind. So bleibt unter anderem ungeklärt, inwieweit Debbie Harry und ihre Mitmusiker im Verlauf ihrer Karriere zu Kompromissen gezwungen waren. Bei der Außendarstellung wie auch bei der Musik. Denn einzelne Titel auf den Gemeinschafts- und Soloalben, auch Harrys Nebenaktivitäten wie die Mitwirkung in der Formation Jazz Passengers deuten auf weiterreichende Ambitionen. Wurden sie je erfüllt? Wer darüber mehr erfahren möchte, muss die Antworten anderswo suchen.

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