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„Das Verschwinden“, ARD Was wollen die von uns?

Hans Christian Schmids Serie „Das Verschwinden“ zeichnet ein beklemmendes Bild vom Dasein in der Provinz.

Das Verschwinden
Michelle Grabowski (Julia Jentsch) macht sich auf die Suche nach ihrer Tochter. Foto: ARD Degeto/BR/WDR/NDR/23/5 Filmproduktion/Gerald von Fori

Der Bayrische Wald, das ist Deutschland ganz hinten. Danach kommt nur noch Tschechien, und das ist eine andere Welt. In dieser Grenzregion um das fiktive Städtchen Forstenau (Drehort war Furth im Wald) siedeln Hans Christian Schmid und sein Drehbuchautor Bernd Lange die Geschichte eines Zerfalls an. Der Titel der Serie, „Das Verschwinden“, bezieht sich nicht nur auf das Abtauchen einer jungen Frau, sondern auch auf die Erosion von Familien, von Existenzen, von Konventionen des Zusammenlebens. Hier ist nichts mehr so, wie es scheint, weil oft niemand mehr ist, was er scheint. Unter dem Druck von Existenzangst und Erwartungen, der Notwendigkeit der Anpassung an die Enge des Umfelds ziehen sich diese Menschen zurück, geben nur noch einen Teil von sich preis – mit radikalen Folgen.

Michelle Grabowski (Julia Jentsch) ist alleinerziehende Mutter; ihre ältere Tochter Janine ist 19, die zweite, Evi, gerade ein Schulkind. Michelle schlägt sich als Altenpflegerin durch. Ihr ohnehin von Belastung im Beruf und Zuhause bestimmter Alltag gerät aus den Fugen, als sie Janine eines Tages nicht mehr in deren Wohnung antrifft. Sie hatten sich gestritten und wieder versöhnt, halbwegs jedenfalls, denn die Mutter musste feststellen: „Ich verstehe dich nicht mehr.“ 

Damit ist der Ton gesetzt, der die Handlung bestimmen wird. Im Kosmos der Kleinstadt kennt man sich, aber hinter den Fassaden von Wohlstand und geregeltem Leben lauert die Lüge. Das ist als Erzählung fast schon ein Klischee, aber Schmid und Lange gelingt es, die Haltung ihrer Charaktere glaubhaft zumachen, zumal sie geradlinig erzählen, ,ohne filmische Mätzchen oder kryptische Verweise, die künstlich Spannung erzeugen sollen. Die erreichen Regie und Kamera (Yoshi Heimrath) schon mit der Atmosphäre; die Stimmung ist düster, die vorherrschende Farbe von dunklem Graugrün wie die Wälder rund um Forstenau. Die flirrende Musik von The Notwist vermittelt die Unsicherheit der Charaktere auf dem schwankenden Boden ihrer Realität.

„Das Verschwinden“ lebt vor allem von der nüchtern geschilderten Normalität – auch wenn ein Strang der Handlung der Sucht junger Frauen und dem Handel mit der Modedroge Chrystal Meth gilt. Das für die Teens und Twens nur ein Stoff ist, um dem Alltag wenigstens zeitweise zu entfliehen. 

Was die Eltern, ihrerseits eingepfercht in den Raum, den die Sicherung der Existenz ihnen lässt, nicht mehr zu sehen imstande sind: „Wir checken alle nicht, was die von uns wollen“, sagt der Unternehmer Leo Essmann (Sebastian Blomberg) zu seiner Frau Steffi (Nina Kunzendorf), als seine Tochter Manuela nach einem Suizidversuch in der Klinik liegt. Was die wollen, glaubt er ihnen schon zu geben: Freiheit und materielle Sicherheit. Aber er verwechselt Freiheit mit Gleichgültigkeit und Egoismus. 

Die Autoren buchstabieren dabei fast schon exemplarisch verschiedene gutbürgerliche Biografien durch: den Unternehmer Essmann mit seiner bis zur Eiseskälte verhärteten Gattin, die ihr Kind schon mal an den Stuhl fesselt, um es von den Drogen fernzuhalten. Den scheinbar braven Handwerker Helmut Wagner (Michael Grimm), der in seiner Tochter Laura vor allem die Pflegekraft für seine nierenkranke Frau sieht und dessen angespannte Ruhe nur umso bedrohlicher die Wut und Gewalttätigkeit im rundlichen Körper verrät; den Imbiss-Besitzer Ayhan Karaman (Vedat Erincin), der sich keine Illusionen über seinen Status macht: „Wer wie ein Ausländer aussieht, darf sich nicht wie einer verhalten“, sagt er über seinen Sohn Tarik, als der Kleindealer in die Fänge der Polizei gerät. Er ahnt nicht, wie weit seine Frau ihren Sohn zu schützen willens ist, wie die Männer in diesem Film überhaupt ihren Frauen an Weitblick und Entschlusskraft unterlegen sind.

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