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„Das System Milch“, Arte Weltzerstörung für 7 Cent pro Liter

Eine streitbare, aber sehr informative Doku zeigt auf Arte das fatal beschleunigte globale Rennen um die niedrigsten Milchpreise.

2197794 Das System Milch
Ein Stall in Hohhot in der Inneren Mongolei, China: Kühe sind mittlerweile vielerorts Lieferanten einer hochtechnisierten Milchindustrie. Foto: Eikon Filmproduktion / rbb

Grimme-Preisträger Andreas Pichler nimmt sich neunzig Minuten Zeit für seine Erforschung und Bewertung der Milchindustrie. Und anfangs ist man noch nicht sicher, ob er all diese Zeit auch braucht. Er führt einige überraschend offenherzige Zyniker der Branche vor, die Kühe in grauenhafte Industrieanlage halten, Kälber als „Abfallprodukt“ bezeichnen und von Rindern als Nummern sprechen. Zu diesen unschönen Bildern wird, wenig subtil, eine Art dräuender Horrorfilmmusik gereicht.

Gleichzeitig zeigt die Doku die nachhaltige Ökolandwirtschaft als geradezu bukolische Idylle frisch aus der Alpenmilch-Werbung, mitsamt schwerelos schwebender Drohnenkamera. Und es ist wahr, dass das Bio-Siegel bei der Haltung und Medikation der Tiere radikale Unterschiede bietet, aber natürlich werden auch da Melkmaschinen eingesetzt und die Jungbullen aussortiert und an Mastbetrieben weitergegeben.

Der allzu übertriebene Kontrast wirkt in diesen ersten Momenten etwas zu ideologisch aufgeladen, was die durchaus richtigen und wichtigen Pluspunkte der Biowirtschaft leider ein wenig abschwächt.

Aber „Das System Milch“ verdient sich dann doch seine Aufmerksamkeit über neunzig informative Minuten. Denn der Film bleibt nicht bei den 100 Milliarden Euro und 200 Millionen Tonnen Milch und Milchpulver, die jährlich in Europa produziert werden, sondern schaut über den globalen Tellerrand.

Zum Beispiel auf den enormen Anteil an Exporten, die komplett explodiert sind, seit die chinesischen Milliarden auf den Milchgeschmack gekommen sind – oder gebracht wurden. Die neuesten Trends zum Seniorenmilchpulver in Südostasien oder zu Portionsmilch in Westafrika sind nämlich durchaus von der hiesigen Milchindustrie angestoßen, auf er Suche nach immer neuen Absatzmärkten und immer weiteren Produktionssteigerungen.

Und so beginnt ein tatsächlich faszinierender Kreislauf aus subventionierte EU-Bauern, die an der Armutsgrenze operieren müssen, weil der Milchpreis instabil und fallend ist; aus ruinierten lokalen Bauern in Afrika und Asien, die mit der maschinellen Billigproduktion in Europa nicht mithalten können; aus EU-Steuerzahler mit ihren Subventionen diesen Kreislauf nur noch anfeuern; und aus dem mühsam hergestellten Kraftfutter, das an die Hochleistungskühe gegeben wird, um noch ein paar Prozentpunkte mehr Milchleistung herauszupressen, und das für gerodete Urwaldflächen in Südamerika, für klimaschädliche Gase in Deutschland, für mangelnde Anbauflächen für dringend benötigtes Getreide in der Dritten Welt und für höhere Schadstoffbelastung in unserem Essen sorgt – und dabei noch nichtmal sonderlich effektiv ist. Ein globales Geflecht an Ursachen und Wirkungen also, die durchaus genug Komplexität und Erkenntnisgewinn für die lange Form haben.

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