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Das Literarische Quartett, ZDF Und was sollen wir jetzt lesen?

Afrika- und Holocaust-Kitsch, Klischees und Langeweile: Das „Literarische Quartett“ in jüngerer Besetzung. Das Prinzip des Ur-Formats ist gleich geblieben: keine Einspielungen, keine Interviews mit Schriftstellern, allein die Bücher im Gespräch der vier Kritiker.

03.10.2015 08:34
Sabine Vogel
Die neuen Quartettler, von links: Maxim Biller, Christine Westermann, Volker Weidermann, Juli Zeh nur im Spiegel. Foto: Jule Roehr/ZDF

Und jetzt nochmal bitte: Dreimal dürfen wir mit enthusiastischem Klatschen das Auftreten der vier Teilnehmer des Literarischen Quartetts begrüßen, bis die Einstellung „im Kasten“ ist. Zuvor haben wir, das geladene Publikum in der Studiobühne des Berliner Ensembles, das unter Anleitung eines flapsigen Animateurs eingeübt. Wir werden auch instruiert, uns „lebendig“ zu gebärden.

Die am 2. Oktober um 23 Uhr ausgestrahlte Sendung ist ein Remake der legendären Büchertalkshow, die 1988 bis 2001 unter dem charismatisch-cholerischen Marcel Reich-Ranicki 77-mal ausgestrahlt wurde und dabei 385 Bücher vorgestellt hat. Reich-Ranicki gab den Ton vor: „Wir werden über Bücher sprechen, und zwar, wie wir immer sprechen: liebevoll und etwas gemein, gütig und vielleicht ein bisschen bösartig, aber auf jeden Fall sehr klar und deutlich. Denn die Deutlichkeit ist die Höflichkeit der Kritik der Kritiker.“ 

Damals waren neben einem wechselnden Gastkritiker Sigrid Löffler und Hellmuth Karasek die polarisierenden Säulen der oft heftigen Streitgespräche. Wie hoch es bei den Debatten über nichts als Bücher herging, zeigt ein Eklat im Jahr 2000. Reich-Ranicki warf der „Löfflerin“ indirekt – so weit das bei dem leidenschaftlichen Meinungsbildner möglich war – Verklemmtheit vor, weil sie einen Liebesroman von Haruki Murakami als nicht ernstzunehmende Literatur eingestuft hatte. Sigrid Löffler trat aus dem Quartett aus, für die restlichen Sendungen nahm Iris Radisch von der „Zeit“ ihren Platz ein.

Der Tod von Hellmuth Karasek in der Nacht vor der Aufzeichnung der Neuauflage stimmte die neue Besatzung des „Quartetts“ sichtlich betroffen. Nur der als Garant für „gute Laune“ eingeladene Maxim Biller witzelte, dass Karasek sich wohl die Neuauflage dieser Sendung habe ersparen wollen. Der Moderator Volker Weidermann, als ehemaliger FAS-Literaturredakteur ein Ziehsohn Reich-Ranickis, seit kurzem beim „Spiegel“, wollte Karasek in einer der nächsten Sendungen als Gastkritiker einladen. Der für ihn reservierte Stuhl im Publikum blieb leer. 

Das Prinzip des Ur-Formats aller Literatursendungen ist gleich geblieben: keine Einspielungen, keine Filmchen, keine Interviews mit Schriftstellern, allein die Bücher im Gespräch der vier Kritiker. Jeder darf einen Favoriten vorstellen, die anderen hacken dann darauf herum oder stimmen begeistert oder zögerlich zu.

Weidermann gibt den Reich-Ranicki

Weidermann hat die Zampano-Rolle Reich-Ranickis eingenommen, aber er ist viel zu höflich und zu burschikos, um sich am Literaturpapst zu messen. Biller hat mit Bescheidenheit weniger Probleme. Er demonstriert seine Meinungsstärke damit, dass er der seriös argumentierenden Kollegin Juli Zeh das Wort abschneidet oder auch die für die Verschiedenheit der Geschmäcker offene Christine Westermann unterbricht.

Unglücklicherweise stellt Biller einen Roman des Nigerianers Chigozie Obioma vor. Dessen Geschichte vom „Dunklen Fluss“ (erschienen im Aufbau Verlag) voller Prophezeiungen, Aberglauben, Trauma, Mord und Totschlag sei einfach „stark“, sie lebe von der „Stärke des auktorialen Erzählers“. 

Das Gemunkel von Animismus, Magie und mystischen Nebeln bediene aber gerade alle Afrika-Klischees, bemerkt der schlaue Weidermann. Westermann findet den Plot spannend, aber stört sich an der „richtig schlechten“ Übersetzung. Vielleicht leidet ja schon das Original an zu viel Metapherngewölk? Ein klärendes Wort über den Unterschied zwischen der Form des Erzählens (Literatur?) und Authentizität des Erzählten wäre da vielleicht nicht schlecht gewesen.

Aber das erledigt sich mit Juli Zehs Plädoyer für Ilija Trojanows neuen Roman „Macht und Widerstand“ (S. Fischer). Nicht echt überraschend, da Juli Zeh mit Trojanow über Aktivismen und Bücher verbandelt ist. Zeh findet das Buch „bedeutend, weil es zeigt, was die Abgründe von Diktatur mit den Menschen machen“. Für Biller war es quälend langweilig, und überhaupt sei es Propaganda und keine Literatur.

Nahezu alle sind sich dann einig, dass Karl Ove Knausgårds 4000 Seiten Selbstbeschreibung (Luchterhand) hohe Literatur ist. Ihm gelinge es, das Langweilige zu beschreiben, ohne dass es langweilig werde. Nur die ansonsten eher versöhnliche Westermann nörgelt, dass der „Stilist des Banalen“ nervigerweise etwa 18 Hektoliter Tee trinke und eine Million Butterbrote schmiere.

Mit der Einschränkung, dass es schon etwas „unbeholfen“ geschrieben sei, stellt sie „Fieber am Morgen“ (Hoffmann und Campe) des Ungarn Peter Gardos vor. Der auf einer wahren Begebenheit beruhende Liebesroman über einen Überlebenden des KZs Bergen-Belsen bringt Biller auf die Palme: „Totaler Holocaust-Kitsch!“ urteilt er. Dass es eine wahre Geschichte sei, das wiederum reicht auch hier Weidermann nicht. Und jetzt alle laut klatschen, bitte! 

Aber was sollen wir denn jetzt lesen? Das letzte Wort sei noch mal Reich-Ranicki überlassen: „Gibt es im ‚Quartett‘ ordentliche Analysen literarischer Werke? Nein, niemals. Wird hier vereinfacht? Unentwegt. Ist das Ergebnis oberflächlich? Es ist sogar sehr oberflächlich.“

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