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„Das Jahrhundert des Claude Lévi-Strauss“ Auf der Flucht vor Philosophie und Soziologie

Claude Lévi-Strauss galt in der Nachkriegszeit als der einflussreichste Intellektuelle Frankreichs – obwohl er diese Zeit unter anderem mit Sartre, Camus oder Foucault geteilt hat.

07.07.2016 09:14
Hans-Jürgen Linke
Claude Levi-Strauss, Anthropologe und Mitglied der Académie Française, in seinem Büro am Collège de France. Foto: © Raymond Mahut

Autor Pierre Assouline hat einen biografischen Dokumentarfilm produziert, der sich Claude Lévi-Strauss mit allergrößtem Respekt und ebensolchem Wissen nähert. Der Respekt erfordert, dass er die Chance bekommt, sich selbst vorzustellen. Sein Leben wird also nicht erzählt und kommentiert, sondern erzählt und kommentiert sich selbst.

Ein erheblicher Teil der Filmaufnahmen besteht aus Material, das Lévi-Strauss selbst aufgenommen hat, im Zuge seiner internationalen Reisen und Feldforschungen seit den dreißiger Jahren in Südamerika. Der Off-Text ist eine Montage aus gesprochenen Worten von Lévi-Strauss selbst.

Lévi-Strauss berichtet darin prägnant von der Entwicklung seines eigenen Denkens, das sich auf der Flucht vor Soziologie und Philosophie einem so genannten „wilden Denken“ zuwandte. Das sich mit grundlegenden Fragen des menschlichen Lebens beschäftigte und sein Material gleichermaßen in modernen Städten fand wie bei so genannten primitiven Völkern. Er beharrt darauf, dass es so etwas wie Primitivität in einem menschlichen Sinne nicht gebe, allenfalls in einem technologischen.

Alle Menschen erfinden Rituale, um ihre Gesellschaftlichkeit zu stabilisieren. Alle Menschen wollen die unbarmherzig vergehende Zeit anhalten. Alle Menschen verbringen viel Zeit damit, sich die Ordnung der Welt zu erklären und dabei auf das eigene Dorf, die eigene Stadt, die eigene Gesellschaft Bezug zu nehmen.

Rätselhaft erscheint übrigens in diesem Zusammenhang die aus aktuellem Anlass entstehende Frage, warum die eiserne  britische Premierministerin Margaret Thatcher einst behaupten konnte, so etwas wie Gesellschaft gebe es nicht, es gebe ausschließlich Individuen und deren Interessen. Sie muss damit einen verbreiteten Konsens der eigenen Gesellschaft formuliert haben. 

Südamerika, sagt Lévi-Strauss, habe in den dreißiger Jahren noch eher der Natur als den Menschen gehört; die Erkenntnis, dass die Menschen also nicht die Herren der Schöpfung seien, sondern deren Teil, habe viel näher gelegen als im alten Europa. Die von ihm geprägte Ethnologie sieht er unerbittlich selbstkritisch als Folge des Kolonialismus. Sein wegweisendes Buch „Tristes Tropiques“  (Traurige Tropen) hält er eher für eine große Oper als für ein wissenschaftliches Werk. Zivilisation erfährt er in Lateinamerika als Kontamination, und jegliches politische Engagement findet für ihn in einem zu engen Denkhorizont statt. Während er das sagt, sieht man im Film Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre im Mai ’68 Flugblätter verteilen.

Dass die westliche Zivilisation menschliche und natürliche Vielfalt vernichtet und Exotik als Konsumgut präpariert, dass sie keinen Genuss ohne Zerstörung zu kennen scheint und Wachstum zum unbefragten Nah- und Fernziel aller Entwicklung erklärt, hat ihn tief beunruhigt.

Zwei Jahre vor seinem Tode wird in Paris das ethnologische Musée du quai Branly eröffnet, an dessen Gründung und an dessen Grundsätzen  Lévi-Strauss maßgeblich Anteil genommen hat.

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