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?Das Geschäft mit dem Blut? Kaum dicker als Wasser

Eine einstündige Doku will spektakuläre Enthüllungen zum Thema Blutspende bieten, verfängt sich dabei aber in Sensationalismus, Aktionismus und halbgarer Argumentation.

Blutspender
Ein Bewohner eines Armenviertels in Cleveland spendet zweimal wöchentlich sein Blutplasma. Dafür erhält er 60 US-Dollar. Foto: Arte/SSR

Eine Aufklärungs-Doku ist immer ein Drahtseilakt. Sie muss ein komplexes Themengebiet auf eine steile These zuspitzen, darf den Bogen aber nicht überspannen, um nicht unseriös zu wirken. Dieser 50minütge Beitrag des Schweizer Regisseur Pierre Monnard läuft von Beginn an Gefahr, in die zweite Kategorie zu fallen. Um es mit einem berühmten Popsong zu sagen: Die Doku haut in den ersten fünf Minuten Dinger raus, die holt sie in ihrem Leben nicht mehr ein. Sensationsheischende Bilder von Sicherheitsleuten, die die Kamera abdrängen, bedrohliche Basstöne und Stimmen, die von Ausbeutung und sogar von „Kannibalismus“ reden.

Aber danach sind die offensichtlichen Lücken einfach zu groß – und was die steile These angeht: Die wechselt alle zehn Minuten. „Ein Großteil der Blutspenden geht gar nicht an Krankenhäuser, sondern zu Privatfirmen zur Gewinnung von Medikamenten“, wird erst getönt. Aha, es geht also um Schindluder mit dem Blut der armen Schweizer Spender, denen wir gerade zuschauen? Mitnichten. Die gespendeten Erythrozyten, Leukozyten und Thrombozyten, also die Blutkörperchen und Blutplättchen, werden durchaus als Transfusion eingesetzt – aber in so konzentrierter Form, dass ein Großteil des Blutplasmas, eines zellenlosen Protein-Wasser-Gemischs, das den Hauptteil der Blutflüssigkeit ausmacht, nicht benötigt wird – es würde sogar die Verträglichkeit und Wirkung verschlechtern.

Aber die Doku bleibt dabei: „Ein Großteil des Blutes“ geht in die „Fraktionierindustrie“ zur Medikamentenherstellung, wo es „in flüssiges Gold“ verwandelt wird. Um das zu untermauern, zeigt uns der Beitrag die zugegebenermaßen tragischen Umstände vieler Spender in den USA: Während in Europa zu häufige Spenden und finanzielle Bezahlung für die Blutentnahme verboten ist, hat sich die zweimal wöchentliche Plasmaspende gegen Direktgeld in der urbanen Unterschicht der USA als Einkommensquelle etabliert. Seit der Wirtschaftskrise hat sich die Zahl der Blutspenden in den USA mehr als verdoppelt.

Okay, es geht also nicht um die Schweizer Spender, sondern um die armen US-Spender, die hier ausgebeutet werden, zugunsten der reichen Schweizer Empfänger von Blutplasma-Medikamenten. Und wieder empört sich die Doku, ohne erstmal zu reflektieren. Dass Menschen in ökonomischen Zwangslagen langfristige Gesundheitsrisiken auf sich nehmen, um nicht in die Obdachlosigkeit zu rutschen, findet man auch bei anderen Niedriglohnbeschäftigten wie Burgerbratern, Minen- und Feldarbeitern und natürlich Prostituierten. Offensichtlich sieht die Doku da einen Unterschied zum „professionellen“ Blutspender, aber worin dieser Unterschied genau besteht, abgesehen von der buchstäblich viszeralen Reaktion, die man beim Publikum hervorrufen möchte, wird nie angesprochen – dabei wäre das vielleicht die interessanteste Frage hier.

Stattdessen hat sich die Doku schon wieder ein neues Feindbild gesucht: Die Schweizer Firma Octopharma ist keineswegs die einzige, die in den USA billiges Plasma aufkauft und in der Schweiz in Medikamentenform teuer wieder ausgibt, aber sie ist das einzige Ziel der Filmemacher. Plötzlich geht es nicht mehr um die ausgebeuteten Spender, sondern um den mangelhaften Schutz der Schweizer Empfänger durch das „unsaubere“ Blut der nicht selten drogenabhängigen US-Spender. Nicht zum ersten Mal tritt ein renommierter Spezialist vor die Kamera und „gibt im Großen und ganzen Entwarnung“: Die Herkunft des Blutes hätte keinerlei Auswirkungen, und die Tests zur Vorbeugung von Infektionen sind ziemlich lückenlos. Bleibt ein Restrisiko? Natürlich, und die Doku stürzt sich gierig darauf: Eine neue, noch unerkannte Seuche könnte sich so ausbreiten. Dass man die armen Arbeitslosen der USA deutlich anfälliger für neue Seuchen als die reichen freiwilligen Spender sieht, hinterlässt einen sehr unangenehmen Nachgeschmack.

Und was bezweckt man durch die öffentliche Bloßstellung der Firma? Das „Geschäft mit dem Blut“ ist völlig legal und an der Oberfläche. Und selbst wer den Klassenunterschied zwischen Spender und Empfänger bedenklich findet – was genau sollte ein öffentlicher Aufschrei bewirken? Einen Boykott der überlebensnotwendigen Medikamente? Eine Verstaatlichung des Plasma-Marktes, wie die Doku ihn fordert? Mit dem gleiche Argument könnte man auch den Handel mit Diamanten oer Turnschuhen verstaatlichen, weil in manchen Erdteilen bei der Gewinnung hilflose Menschen ausgebeutet werden.

Sind die fehlende Regularien in den USA problematisch? Natürlich. Finanziert man damit Drogenabhängige? Teilweise ja. Sollten die Schweizer Behörden die Herkunft der Plasmaprodukte besser überwachen? Sicher. Aber die einzige Lösung hier ist strengere Regulierung in der USA, effektivere Überwachung in der EU und internationale Kontrollen und Abkommen – der empörte Aufschrei, den diese Doku erzeugen will, ist weder gerechtfertigt, noch hilft er irgendwem.

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