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"Das Dorf des Schweigens" Lügen in Bad Gastein

Der düstere Bergfilm „Das Dorf des Schweigens“ mit den Nordlichtern Petra Schmidt-Schaller und Ina Weisse

Lydia Perner (Ina Weisse) und Eva Perner (Petra-Schmidt-Schaller) Foto: ZDF und Jürgen Olczyk

Der Titel täuscht, auch wenn die Umgebung von Bad Gastein sehr geeignet ist für diese tief verschattete und zugleich hochdramatische Geschichte. Die Verschwiegenheit des Ortes ist jedoch so groß, dass der Zuschauer nicht ermessen kann, ob noch jemand etwas gewusst hat, und was. Man fragt hier anscheinend nicht nach, lässt die Dinge auf sich beruhen und die anderen in Frieden. Bloß hinschauen tut man schon.

Unter Halbgeschwistern

„Das Dorf des Schweigens“ erzählt auf ein Drehbuch von Martin Ambrosch eigentlich von einer Familie des Schweigens. Eine junge sympathische und frohe Ärztin von hier – Petra Schmidt-Schaller, so eindeutig nicht von hier, dass es schon lustig ist – möchte in zwei Wochen einen netten Lehrer von hier (Simon Schwarz) heiraten. Ihre Eltern sind Hildegard Schmahl und Helmuth Lohner – von Krankheit gezeichnet in seinem letzten Film vor seinem Tod im Juni 2015 –, ihr Halbbruder ist Hary Prinz, eine aparte, umwitterte und dank Prinz auch windige, gar unseriöse Umgebung, was der Ärztin allerdings komplett entgeht (so ein komisches Gefühl habe sie manchmal, sagt sie). Der Sohn fragt seinen Vater, ob er je stolz auf ihn gewesen sei. Ob er je einen Grund dazu gehabt habe, fragt der Vater zurück. Das ist so die Ebene, auf der man sich begegnet, näher ausgeführt wird das wegen der allgemeinen Wortkargheit nicht. Die Ärztin, offenbar aus der Art geschlagen, wird sehr geliebt.

Es gibt noch eine weitere Halbschwester, Ina Weisse, die als Schizophreniekranke schon vor Jahrzehnten in eine Anstalt gekommen ist, später ihr Glück im Ausland gesucht hat und jetzt unerwartet in die alte Heimat zurückkehrt. Sie quartiert sich auf dem gegenüberliegenden Berg ein, die Alpen ermöglichen Sichtachsen, die den Mittelgebirgler zu fesseln wissen. Aber auch wenn Regisseur Hans Steinbichler die Gelegenheit nutzt, in den landschaftlichen Gegebenheiten zu schwelgen, so ist „Das Dorf des Schweigens“ von einem Nichts-wie-hin-Film weit entfernt. Eher ist es ein Nichts-wie-weg-Film.

Androsch und Steinbichler führen nun nämlich vor, wie das Leben der Ärztin auseinander fliegt. Man denkt vielleicht zu schnell, man hätte alles verstanden. Im Rückblick wiederum erstaunt es, dass anderen – Besserinformierten – nicht rascher etwas dämmerte. Jedenfalls gibt all das Schmidt-Schaller und auch Weisse (ebenfalls mit Haut und Haar von woanders her, aber natürlich ist das eine tolle Besetzung) Gelegenheit zu großen und größeren Zusammenbrüchen.

Es fließen viele Tränen. Lohner, erschütternd fragil, hebt das Niveau, indem er Ingeborg Bachmann variiert: Die Wahrheit sei manchmal eben nicht zumutbar. Der Vater irrt auch darin furchtbar.

So viel wurde lange nicht mehr geraucht in einem herkömmlichen TV-Spielfilm. Zwischendurch denkt man, die Mutter hätte sich zwei auf einmal angesteckt, und so überraschend wäre das nicht, aber nein, das andere ist ein Stift.

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