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„Das Auge Indiens: Raghu Rai, Meisterfotograf“, Arte Ungebeugt im Kugelhagel

Fesselnde Bilder, ein in seiner Schroffheit faszinierender Protagonist: Arte zeigt Avani Rais Porträt ihres Vaters, des Reportage- und Dokumentarfotografen Raghu Rai.

Seine Bilder von der Hungerkatastrophe in Biafra gingen um die Welt. Ebenso die Aufnahmen von den Opfer der Giftgaskatastrophe 1984 in Bhopal. Er fotografierte Mutter Teresa, lange bevor sie weithin bekannt wurde. Sein Objektiv erfasste Indira Ghandi, Papst Franziskus, den Dalai Lama. Raghu Rai ist einer der bedeutendsten Fotografen des 20. Jahrhunderts. Das gilt nicht nur für sein Heimatland Indien. Rais Bilder wurden in vielen Ländern publiziert und ausgestellt. Die Pariser Bibliothèque Nationale verwahrt eine Kollektion seiner Bilder. Niemand Geringeres als Henri Cartier-Bresson berief ihn in die renommierte Fotoagentur Magnum Photos.

Mehr als angemessen also, wenn der Kultursender Arte diesem großen zeitkritischen Lichtbildner ein Porträt widmet. Die besondere Machart des Films macht ihn obendrein über Fotohistoriker und Kunstinteressierte hinaus auch für das allgemeine Publikum interessant. Gedreht hat das Porträt Avani Rai, Raghus Tochter, die als Fotografin und Kamerafrau in dessen Fußstapfen trat. Familiäre Nähe ist nicht unbedingt ein Garant für ein gelungenes Porträt, hier aber Voraussetzung des Gelingens.

Das vor ihrer Geburt liegende Wirken ihres Vaters musste sich die während der Dreharbeiten 23-jährige Avani selbst erst erarbeiten. Raghus frühe Fotos und private Videoaufnahmen hatten sie überhaupt erst zu ihrem Vorhaben animiert. Damit verband sich erklärtermaßen die Absicht, den Vater besser kennenzulernen. „Seine Gefühle drückte er allein mit der Kamera aus“, berichtet sie.

Raghu Rai erwies sich als faszinierender, aber auch ausgesprochen schwieriger Protagonist. Avani begleitete den Vater bei seiner Arbeit, filmte, fotografierte selbst. Raghu griff immer wieder ein. Mal wehrt er sie ab, mal schimpft er ungnädig wegen des gewählten Blickwinkels, mal rüffelt er sie, weil sie sich für eine Aufnahme mit Hintergrundunschärfe entschieden hat. Für ihn muss das Bild von vorn bis hinten scharf sein. Basta!

Avani Rai hat solche Momente, in denen sie zum geschurigelten Lehrling des Vaters wird, in den Film aufgenommen. Nicht in selbstquälerischer Absicht, sondern um des Vaters Präzision und Hingabe an seine Arbeit zu zeigen. Von außen betrachtet scheint er intuitiv vorzugehen, wenn er die Kamera reckt und den Auslöser drückt. Im Dialog mit der Tochter dagegen zeigt sich: Er weiß ganz genau, was er tut. Das macht den Unterschied aus zwischen Knipsern und Fotografen.

Der 1942 geborene Raghu Rai ist eine faszinierende Künstlerpersönlichkeit und zugleich ein aufmerksamer Chronist der indischen Geschichte. Er blickt auf eigene Fluchterfahrungen zurück und dokumentiert bis heute die Not von Menschen, die ihre Heimat verlassen müssen. 1984 wurde die durch Leichtsinn und Sparmaßnahmen ausgelöste Giftgaskatastrophe in Bophal zu einem seiner zentralen Themen. Tausende starben oder wurden verätzt. Bis heute sind der Boden und das Trinkwasser in der Umgebung der Chemiefabrik des US-Chemiekonzerns Union Carbide verseucht, viele Überlebende leiden an chronischen Krankheiten, blieben ohne Entschädigung. Selbstkritisch reflektiert Rai: „Die Welt lebt von Tragödien, allen voran die Fotografen.“

Auch in Kaschmir, einer jener weltvergessenen Gegenden, in welchen der Alltag der Menschen permanent von Gewalt, Willkür und Armut beherrscht wird, ist Raghu Rai immer wieder unterwegs. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Zustände öffentlich zu machen. Auch dorthin begleitet ihn Avani Rai. Ein gefährliches Unterfangen – am Rande einer politischen Kundgebung geraten sie in eine Schießerei. Die Tochter ruft besorgt nach ihrem Vater. Der weist sie an, Deckung zu suchen. Er selbst fotografiert ungerührt weiter, in einem Pulk von Kollegen.

Avani Rai liefert mehr ab als ein privates Familienvideo oder eine wohlwollende Huldigung ihres Vaters. Ihr Filmessay ist eine Auseinandersetzung mit einer übermächtigen Vaterfigur, einem großen Künstler und zugleich mit der Lichtbildnerei als solcher, die Kinematographie eingeschlossen. Es lohnt sich übrigens, genau hinzuschauen. Auf Kleingeräten wirken die Fotos nicht, und man übersieht das eine oder andere Detail. Zum Beispiel fotografiert Raghu Rai mit einer Nikon, Avani mit Canon – die beiden Systeme sind nicht kompatibel.

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