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„Chuzpe – Klops braucht der Mensch!“, ARD Mit Humor und Tiefgang

Dieter Hallervorden wird 80. Die ARD macht ihm mit einer melancholischen Komödie über einen alten Mann, der nicht einfach bloß auf den Tod warten will, ein wunderbares Geburtstagsgeschenk.

05.09.2015 08:55
Tilmann P. Gangloff
„Klops braucht der Mensch“: Edek Rotwachs (Dieter Hallervorden) eröffnet ein Restaurant im Berliner Szene-Kiez. Foto: ARD Degeto/Tivoli Film/Julia Terjung

Was ist dieser Mann für ein toller Schauspieler. Seltsam nur, dass das offenbar nie jemandem aufgefallen ist. Dank „Nonstop Nonsens“ (1975 bis 1980) und Kinoklamotten wie der „Didi“-Reihe kannte alle Welt und offenbar auch die Film- und Fernsehbranche Dieter Hallervorden bloß als Komiker.

In dem Drama „Sein letztes Rennen“, in dem er als einstiger Marathon-Olympiasieger buchstäblich dem drögen Alltag in einem Seniorenheim davonläuft, durfte der Komödiant beweisen, dass er auch anders kann. Der Kinoerfolg „Honig im Kopf“ (sieben Millionen Zuschauer!) bescherte ihm, wenn man so will, endgültig den dritten Frühling. Mit „Chuzpe“ verbeugt sich nun die ARD ganz tief vor dem Star, der am 5. September 2015 seinen 80. Geburtstag feiert.

Der Titelzusatz „Klops braucht der Mensch!“ lässt zwar Schlimmes befürchten, doch dank der für „Arnies Welt“ mit dem Grimme-Preis ausgezeichneten Regisseurin Isabel Kleefeld (zuletzt „Besser als Du“) ist der Film eine sanfte melancholische Komödie, die zwar ganz auf ihren Hauptdarsteller zugeschnitten ist, aber neben ihm noch viel Platz für die weiteren Mitwirkenden lässt; Hallervorden wird unter Kollegen nicht zuletzt dank seiner gewaltigen Bühnenerfahrung ohnehin als Mannschaftsspieler geschätzt. Das Drehbuch von Andrea Stoll („Und alle haben geschwiegen“) basiert auf dem gleichnamigen Roman der New Yorker Autorin Lily Brett, die 1946 in Oberbayern als Tochter zweier Auschwitz-Überlebender zur Welt gekommen ist.

Zumindest in Teilen erzählen Buch und Film auch ihre Geschichte: Edek Rotwachs hat einst Auschwitz überlebt und ist nach dem Krieg nach Australien ausgewandert. Seit fünf Jahren ist er Witwer, seine Freunde leben nicht mehr, und deshalb überredet Tochter Ruth (Anja Kling) ihren Vater, zu ihr nach Berlin zu ziehen. Dort geht er ihr allerdings bald auf den Wecker (oder „auf die Uhr“, wie Edek in seinem lustigen Deutschjiddisch sagt), denn der betagte Herr fühlt sich noch quicklebendig und hat keine Lust, still in der Ecke zu sitzen und auf den Tod zu warten.

Zunächst stiftet er allerlei Unruhe in Ruths Büro, dann lässt er sich auf ein finanzielles Abenteuer ein: Gemeinsam mit der gleichfalls verwitweten polnischen Urlaubsbekanntschaft Zofia (Franziska Troegner) und ihrer Freundin Valentina (Natalia Bobyleva) will er ein Fleischklops-Restaurant aufmachen, allerdings jwd, wie der Berliner sagt: janz weit draußen. Das kann nicht funktionieren, denkt sich die stets besorgte Ruth, doch der Ruf der Klopse verbreitet sich wie ein Lauffeuer, denn Zofias Fleischbällchen sind laut Edek „nicht von dieser Welt“, und das schlicht „Klops“ genannte Lokal wird zum „Hotspot“ der Stadt.

Kling ist perfekte Ergänzung zu Hallervorden

„Chuzpe“ ist zwar durchaus diesseitig, aber dennoch ein besonderer Film: vorzüglich ausgedacht, wunderbar umgesetzt, treffend besetzt und großartig gespielt. Gerade Anja Kling ist als pessimistischer Gegenentwurf zum lebensbejahenden Edek eine perfekte Ergänzung zu Hallervorden, zumal beide ihre Figuren nicht komödiantisch anlegen; komisch wird die Geschichte erst durch die Konfrontation mit den Umständen. Herrlich sind schon allein Ruths indignierte Blicke angesichts der überbordenden Herz- und Weiblichkeit von Zofia, die sich nicht nur als Edeks Geschäftspartnerin entpuppt.

Eine kleine, aber feine Rolle hat Hans-Jochen Wagner als Ruths Mann, der seine Frau regelmäßig mit unangenehmen Wahrheiten konfrontieren muss; zum Beispiel mit der Tatsache, dass man auch im hohen Alter noch empfänglich für sexuelle Reize ist. Ruth ist ohnehin eine hochinteressante Figur: Als Kommunikationsexpertin trainiert sie weibliche Führungskräfte, aber die eigenen Schwächen verdrängt sie.

Darüber hinaus ist es den Verantwortlichen hoch anzurechnen, dass das Holocaust-Thema keineswegs versteckt wird. Gerade der Kontrast zwischen Edek, der allen Grund dazu hätte, überall nur halbleere Gläser zu sehen, und seiner ständig schwarz sehenden (und entsprechend gekleideten) Tochter macht den großen Reiz dieser sympathischen sanften Komödie aus. Im Anschluss an den Film zeigt die ARD das Porträt „Dieter Hallervorden – Ein Mann mit Humor und Tiefgang“.

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