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"Chronik einer Revolte – Istanbul", ZDF Persönliche Momentaufnahmen

Ein mutiger, persönlicher Film, der dem Widerstand in der Türkei ein Gesicht verleiht - und sich nicht scheut, Humor mit dezidierter politischer Haltung zu verbinden.

08.06.2015 08:33
Cathy de Haan
Ahmed ist kurdischer Herkunft und in Diyarbakir aufgewachsen. Er studiert in Istanbul Philosophie und war von Beginn an bei den Gezi-Protesten dabei. Foto: ZDF und Tan Kurttekin

Der bewegende Dokumentarfilm der beiden deutsch-türkischen Regisseurinnen Ayla Gottschlich und Biene Pilavci erinnert an  die Tränengasschwaden und die blutige Räumung des Gezi-Parks im Juni 2013 und entwirft ein spannendes Generationenporträt. Die beiden reisen im Juni 2013 „in die Heimat unserer Eltern“, zunächst mit der Absicht, „dieses Land besser fassen zu können“.

Sie brechen aus der „Wohlfühloase Deutschland“ auf um zu überprüfen, ob nicht auch ein Leben in der Türkei möglich sei. Ihre Ankunft im Gezi-Park – beliebter Treffpunkt von Liebespaaren beim Taksim Platz  im Herzen Istanbuls – geht nicht ohne „Muffensausen“ vor sich. So gestehen sich die beiden ein, dass die Energie der Protestierenden, die den Park besetzen, „ansteckend und etwas unheimlich zugleich“ ist.

Doch die Befangenheit legt sich schnell. Und Gezi-Park ist mehr als der Ort des Protests  der türkischen Jugend. Gottschlich und Pilavci nehmen uns mit auf ihrer Erkundung, wer der dort demonstriert. Sie treffen Menschen aller Altersgruppen: Angehörige ethnischer Minderheiten wie den Armenier Bimen oder den kurdischen Studenten Ahmed, von Aktivisten bis zu den frommen „Antikapitalistischen Muslimen“ – ein bunter Querschnitt durch die türkische Gesellschaft.

Schnell wird klar, es geht den Protestierenden um mehr, als die Bäume des Parks zu schützen. Sie alle eint der Wille, für ihre Grundrechte und die Rückkehr zur Demokratie zu kämpfen, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Noch lachen die Besetzer über das Open Air Screening des Klassikers „Der Große Diktator“, doch das Ende des friedlichen Protest naht. Als die Staatsmacht gnadenlos zuschlägt und die Zeltstadt räumen lässt, geraten auch Gottschlich und Pilavci in Gefahr. Doch der Steinwurf, der Pilavci trifft, hält die beiden nicht davon ab, weiterzumachen.

Aus dem geplanten Kurztrip wird ein Jahr, in dem wir mit den Filmemacherinnen zurück zu ihren Protagonisten kehren. Die persönlichen Momentaufnahmen werden kontrastiert mit der Position der Staatsmacht in den öffentlichen Auftritten von Präsident Erdo?an.

So treffen wir den Journalisten Tamer, der seinen Job verlor, weil er sich weigerte, seine Meldungen über die Gezi-Revolte zensieren zu lassen. Jetzt arbeitet er bei einem pro-kurdischen Privatsender. Eine neue Chance für seine berufliche Zukunft in der Türkei? Tamer ist pessimistisch. Bauingenieurin Melek hingegen hat ihren Job bei der Planung von lukrativen Infrastrukturprojekten der Regierung selbst gekündigt. Erdo?ans Propagierung eines islamistischen Frauenbildes setzt sie provokativen „Poledance“ entgegen.

Das ist nie schwarz-weiß gezeichnet und bringt dem deutschen Zuschauer Einblicke in die türkische Gesellschaft, die jenseits der üblichen Berichterstattung sind. So wenn die verschleierte Rojda von den „Antikapitalistischen Muslimen“ voller Dankbarkeit erzählt, wie ihr Gebetszelt von den Homosexuellen-Aktivisten der LGBT aufgebaut wurde.

Statt der gewaltsamen Räumung des Gezi-Parks zeigte das türkische Staatsfernsehen eine liebliche Tierdoku. Die Pinguine dieses Films wurden zum Symbol des Widerstandes – auch zwei Jahre später noch findet man den Pinguin mit Gasmaske und zornig gereckter Faust als Graffiti auf Hauswänden. Nur ein Zeichen dafür, dass der Widerstand der Protestierenden auf dem Taksim Platz  andauert – wie wohl von Erdo?an als "Capulcu", Gesindel, verhöhnt.

„Chronik einer Revolte – ein Jahr Istanbul“ ist ein mutiger, persönlicher Film, der diesem Widerstand ein Gesicht verleiht und sich nicht scheut, auch Humor mit dezidierter politischer Haltung zu verbinden.

Das Ergebnis der Parlamentswahlen wird maßgeblich sein, in welche Richtung sich die Türkei politisch weitentwickeln wird. Das hat Brisanz über die Innenpolitik hinaus: Ist doch der Nato-Partner Türkei – drei Flugstunden von Deutschland entfernt – ein wichtiger Brückenkopf an der Grenze zu den von der IS terrorisierten Staaten.

Ob und wie die „Chronik der Revolte“ in der Türkei weitergeschrieben wird, entscheidet sich in den kommenden Wochen.

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