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Cary Grant - Der smarte Gentleman aus Hollywood, Arte „Jeder will Cary Grant sein. Ich auch.“

Man sollte sich vom verfehlten deutschen Titel dieser faszinierenden Charakterstudie nicht abschrecken lassen – die Arte-Doku über Cary Grant geht tief in eine komplexe Persönlichkeit.

Cary Grant - Der smarte Gentleman aus Hollywood
Arte widmet Cary Grant eine Dokumentation. Foto: ARTE France

Die preisgekrönteste Serie unserer Zeit, „Mad Men“, bezog ihre Kraft nicht aus der satirischen 50er-Nostalgie oder aus dem zeitlosen Kleidungsstil, sondern aus einem sehr intensiven emotionalen Dilemma im Zentrum: Nach wenigen Folgen bereits wird klar, dass die Hauptfigur Don Draper nicht ist, was er zu sein vorgibt. Der strahlende Dressman, liebevolle Familienvater und erfolgreiche Werbemann stammt in Wirklichkeit aus tiefster Armut und kindlichem Trauma und hat sich seine perfekte Existenz nur erfunden, aus Werbekatalogen zusammenfantasiert. Er kennt die Träume und Illusionen, aber in Wirklichkeit versteht er nicht, was echtes Leben oder echte Liebe ist. Kein Wunder, dass in dieser Fnatsieblase niemand auf Dauer glücklich sein kann und er sich sein Leben lang fragt, wer er wirklich ist.

Dass Cary Grant mit seinen perfekten Anzügen und seiner weltmännischen Coolness eine stilistische Vorlage für Don Draper war, konnte man erahnen – und nach dieser berührenden Doku kann man ihn  auch als inhaltliche Inspiration hinzufügen. Denn der deutsche Untertitel „Der smarte Gentleman aus Hollywood“ ist so lächerlich falsch, dass es fast schon wieder lustig ist: Die ganze Aussage der Doku dreht sich darum, dass Grant eben nicht aus Hollywood kam – und wie sehr er das Image des „smarten Gentleman“ nur gespielt hat.

Der deutsche Titel klingt wie eine dieser oberflächlichen Star-Portraits, die nachts auf de 24-Stunden-Infotainment-Kanälen laufen. Aber das hier ist kein Werk eines anonymen Redakteurs oder Archivars. Der vielfach preisgekrönte britische Dokumentarist Mark Kidel hat mehr als 50 Jahre Erfahrung, war ein Pionier des „Rockumentary“-Genres und des cinéma vérité, arbeitete als Journalist und Professor, organisierte einflussreiche Seminare und startete das WOMAD-Festival mit Peter Gabriel. Wenn so einer einen Film über Cary Grant dreht, dann macht er das nicht, um die üblichen Stationen eines Hollywood-Stars zu bebildern. Sondern weil er etwas zu sagen hat.

Der englische Titel „Becoming Cary Grant“ und französische Titel „Die andere Seite des Spiegels“ zeigen da schon deutlicher, wohin die Reise geht. Eine bisher unveröffentlichte Autobiographie gibt erstaunliche Einblicke in das Leben des Mannes, der in einer verarmten Familie im britischen Bristol als Archie Leach geboren wurde (ja, er war auch die Inspiration für John Cleese' gleichnamige Figur in „Ein Fisch namens Wanda“). Zusammen mit privat gedrehten Filmaufnahmen und einigen klug eingeschnittenen Filmszene bastelt Kidel daraus eine beeindruckende und vor allem berührende Doku.

Der alternde Grant, der diese Aufzeichnungen verfasst hat, ist geradezu schockierend ehrlich und direkt. Sein öffentliches Image beschreibt er als „Maske“ und „Fassade“, schonungslos spricht er über seine Unsicherheiten, seine Selbstsuche und seine Abgründe. Auf eine wahrlich traumatische Kindheit und den frühen Verlust beider Eltern folgen Geschlechterverwirrung, Depression, Vereinsamung – Grants Autobiographie ist das schonungslose Selbstportrait eines milden Soziopathen, der nie gelernt hat, was Liebe ist, aber sich so sehr danach sehnt, dass er die Symptome perfekt nachspielen kann.

Grant ging die Charlie-Chaplin-Route: Übers britische Vaudeville via Tournee in die Traumfabrik. Dort entdeckt er das perfekte Image für sich: Weltgewandt, aber nie arrogant. Verletzlich, aber nie schwach. Sogar sexuell ambivalent, aber nie bedrohlich. Mit seiner Realität hat das nichts zu tun, aber alle lieben ihn für seine Kunstfigur. Es ist die alte Geschichte von einem, der in der Traumfabrik Erfolg, Reichtum und Glück sucht – und nur die ersten beiden findet. Bei anderen Schauspielern wäre es albern, Filmschnipseln aus dem Kontext zu reißen und darin die Psyche des Darstellers suchen zu wollen. Aber Kidel weist schlüssig nach, wie Grant zentrale Rollen wie in „None But A Lonely Heart“ selbst gestaltet und an seine eigene Biographie angleicht. Und wie Hitchcock – noch so ein Brite, der sich jenseits des Ozeans „larger than life“ neu erfunden hat – diese Leere, diese Kälte und Einsamkeit hinter der Fassade des Komödienschauspielers erkennt und Grant in komplexen, undurchschaubaren, doppelbödigen Rollen besetzt.

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