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„Braunschlag“, EINSFESTIVAL Schöner Schaaaß

David Schalko, österreichischer Fernsehproduzent, Autor und Regisseur, hat sich mit der bissigen kleinen Serie „Braunschlag“ an seiner Heimatregion schadlos gehalten.

Reinhard Matussek (Raimund Wallisch) und Gerri Tschach (Robert Palfrader, r). Foto: WDR/ORF/Superfilm

Das hier ist Österreich ganz hinten. Die Gegend heißt „Waldviertel“, aber da ist alles so eng, klein und schräg, dass „Waldachtel“ passender erschiene. Im dunklen Forst  kündet ein Ortsschild von einem Ufo-Landeplatz (den es in Wirklichkeit geben soll), und das Personal dort wirkt, als sei es, irgendwann aus dem All kommend, eben hier gelandet. Im Schuppen nebenan bietet der Waldschrat, der auf die Wiederkunft der Außerirdischen wartet, „Karpfen-Sushi“ an.

Kein Wunder also, dass er dem Bürgermeister Gerhard „Gerry“ Tschach (Robert Palfrader) und seinem dauertrunkenen Spezi Richard Pfeisinger (Nicholas Ofczarek), dem Wirt, geeignet erscheint für ihren Coup. Sie wollen ihren Sprengel retten, vor dem finanziellen Ruin und dem Eingreifen des Landeshauptmanns aus St. Pölten. Der sitzt vor einer roten Wand, an der das Blut herunterzulaufen scheint – was weniger auf ein Faible für zeitgenössische Kunst als auf kriminelle  Gesinnung schließen lässt.

Die aber entwickeln zunächst das Dorfoberhaupt und der Wirt. Zur Sanierung des Gemeinwesens und Hebung des Umsatzes soll ein höheres Wesen herhalten – ein Wunder muss her. Medugorje in Bosnien dient als Vorbild. Versuche, der heimischen Madonnenstatue Blut aus den Augen spritzen zu lassen, schlagen fehl, also lässt man sie nächtens schummrig beleuchtet dem Ufo-Gläubigen erscheinen. Mit dem gewünschten Erfolg. Die Muttergottesanbeter strömen zuhauf, das Weihwasser zu 30 Euro der Liter ebenso wie die Marie – vulgo: das Geld.

David Schalko, in Österreich seit Jahren erfolgreicher Fernsehproduzent, Autor und Regisseur, hat mit seiner achtteiligen Serie „Braunschlag“ offenbar ein kleines Rachebedürfnis an seiner Heimat gestillt, so lustvoll bösartig zeichnet er die Umtriebe seiner Landsleute. Der Bürgermeister ist frei von Skrupeln und irgendwelchen Gefühlsresten gegenüber seiner Frau, seine Tochter und ihr Freund Ronnie, bei dem es nicht mal zum Strizzi reicht, sinnen nur darauf, wie sie die Alten schröpfen können, damit  sie ihren Koks nicht mehr mit Milchpulver strecken müssen. Der Wirt, selbst sein bester Kunde, wird im Vollrausch zur Erzeugung von Nachwuchs von seiner esoterisch benebelten Gattin in Dienst genommen, deren greiser Vater, seit Wochen täglich die letzte Ölung empfangend, wird mit Hilfe zweier auf seiner Brust platzierten Meerschweinchen geheilt – es ist eine illustre Gesellschaft, diese Bevölkerung Braunschlags. 

Selbstredend sind sie alle einander auch in herzlicher Abneigung zugetan, unmittelbar auf die Anrede folgt gerne eine Sottise nach der Art: „Was bist du denn so deppert gut aufgelegt?“ Wobei: In Schriftdeutsch ist die Konversation der Braunschlager kaum angemessen wiederzugeben. Den im Kulturbetrieb üblichen Begriff  „deutschsprachiger Raum“ wird man angesichts dieses Films noch einmal überdenken müssen. Zuschauer nördlich des Mains werden sich einen Übersetzer oder wenigstens Untertitel wünschen – dürfen aber immerhin mit einer Bereicherung ihres Wortschatzes rechnen: „Mohnzutzler“ nennt der Beamte in St.Pölten den Bürgermeister (wenn wir das richtig verstanden haben). Eindeutig erkennbar ist immerhin das Lieblingswort der Dörfler: „Schaaaß“, korrekt artikuliert nur mit einem möglichst langgezogenem „a“ anstelle des deutschen  „ei“.

Es ist aber nicht nur die (freilich unabdingbare) Verortung im Dialekt, die diese niederösterreichische Klamotte über das Niveau vergleichbarer Grotesken aus der Provinz heraushebt. Schalko nimmt sich, ein Bruder im Geiste Josef Haders, die Entgleisungen und Verirrungen seiner Landsleute vor; ihren Suff, ihren Egoismus und die Abstinenz von Gefühlen oder Empathie. Selbstverständlich wird da die Instanz für Seelenrettung, die Kirche, Ziel seines Spotts: Der Gemeindepriester, ein Schwarzer, hält eine Predigt aus zusammenhanglos gestammelten Worten; der Gesandte des Vatikans entpuppt sich als Schürzenjäger (was die Regie zu einer Parodie auf die Herz-Schmerz-Schwelgereien des ZDF-Sonntagsabends nutzt). Zu den großartigsten Szenen gehört die Flucht der vernachlässigten Frau des Bürgermeisters. Sie findet in Waidhofen (das ist der reale Geburtsort Schalkos) eine Stätte, wo sie ihrer Tristesse entfliehen kann: einen „Kuscheltier-Club“ namens „Streichelzoo“. Die Szenen mit den einsamen Herzen in überdimensionalen Plüschtier-Kostümen erreicht das Format von David Lynchs Horror-Szenarien.  

Die Serie wurde bei der Cologne Conference 2012 als eine der zehn weltweit wichtigsten Arbeiten  ausgezeichnet, und ihr sind viele Redakteure der bundesdeutschen öffentlich-rechtlichen Anstalten als Zuschauer zu wünschen, damit sie wieder ein Argument mehr haben, auch mal etwas zu wagen.

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