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„Bob Dylans Amerika“ Immer dem Polarstern nach

Wolfgang Niedecken auf den Spuren seines großen Vorbilds: Die fünfteilige Arte-Reihe „Bob Dylans Amerika“ ist weit mehr als nur eine Musikdokumentation.

Wolfgang Niedecken
Wolfgang Niedecken in New York. Foto: Kobalt/Alexander Seidenstücker

Möglicherweise hat sich irgendjemand bei Arte was dabei gedacht; vielleicht aber auch nicht. Eine mehrteilige Dokumentation über den nicht ganz unbekannten Kölner Musiker Wolfgang Niedecken auf den Spuren seines zumindest außerhalb Kölns noch etwas berühmteren musikalischen Vorbilds Bob Dylan erwartet man nicht unbedingt nachmittags zwischen 17 und 18 Uhr; auch nicht bei einem Kulturkanal. Die seltsame Platzierung wäre ja vielleicht verständlich, wenn die Reihe missglückt wäre, aber ausgestrahlt werden müsste, weil sie schließlich schon bezahlt ist, aber davon kann keine Rede sein: „Bob Dylans Amerika“ ist selbst dann sehenswert, wenn man weder ausgesprochener Dylan-Fan ist noch Niedeckens Verehrung teilt; der einst gern als „Dylan aus der Südstadt“ bespöttelten BAP-Gründer macht keinen Hehl daraus, dass der Kollege eine Art „Polarstern“ für ihn gewesen sei.

Kreativer Kopf hinter der Reihe ist der Österreicher Hannes Rossacher, der gemeinsam mit seinem langjährigen Mitstreiter Rudi Dolezal schon seit Jahrzehnten für Musikerporträts der besonderen und stets etwas anderen Art steht. Sein Ansatz für das Dylan-Porträt ist mehr bio- und geografisch als musikalisch. Der Soundtrack der fünf jeweils knapp dreißig Minuten langen Folgen besteht zwar größtenteils aus Dylan-Songs, und natürlich spielt auch die musikalische Entwicklung eine große Rolle, aber in erster Linie ist „Bob Dylans Amerika“ ein Road Movie durch ein Land voller Gegensätze. Niedecken beginnt seine Spurensuche im New Yorker Stadtteil Greenwich Village, wo Dylan in den frühen Sechzigern lebte. Das Muster der ersten Folge ist typisch für die Reihe: Jedes Mal trifft Niedecken auf Zeitzeugen und Weggefährten, die ihn als „Reiseführer“ zu markanten Orten begleiten und Anekdoten erzählen. Weil sich darunter natürlich auch Musiker befinden, etwa Dylans Geiger David Mansfield (mittlerweile ein gefragter Filmmusikkomponist) oder in der letzten Folge Dave Stewart („Eurythmics“), kommt es immer wieder zu teilweise mitreißenden Duetten, die Rossacher dankenswerterweise auch nicht mittendrin abbricht.

Von New York aus führt die Reise nach Woodstock. Natürlich geht es auch um das legendäre Festival, aber Dylan ist dort gar nicht aufgetreten; Niedecken interessiert sich daher mehr für das Haus, in dem Dylan einst mit „The Band“ die jahrelang nur als Bootleg erhältlichen „Basement Tapes“ aufgenommen hat. Folge drei vollführt einen Zeitsprung in die frühen Jahre des Musikers, und spätestens jetzt manifestiert sich, was sich schon zu Beginn angedeutet hat: Der Titel ist mit Bedacht gewählt, denn es geht mindestens so sehr um die USA wie um Bob Dylan. In Duluth (Minnesota) hat er in den Vierzigern seine Kindheit verbracht, in Hibbing, einem einst dank des weltweit größten Tagebaus für Eisenerz äußerst wohlhabenden Städtchen, seine Jugend; Niedecken spricht mit den Einwohnern nicht nur über den berühmten Sohn der beiden Städte, sondern auch über die wirtschaftliche und politische Entwicklung seit jenen Jahren. Die Zeitgeschichte spielt in der Dokumentation eine mindestens ebenso große Rolle wie die Musikgeschichte, erst recht beim Trip nach New Orleans, wo Niedecken die Wurzeln des Rock’n’Roll aufspürt; diese Folge hat auch die schönsten Bilder zu bieten. Letzte Stationen der Reise sind San Francisco und Kalifornien.

Den Meister selbst hat der BAP-Sänger nicht getroffen, aber trotzdem ist Dylan ständig präsent, und das nicht nur durch die Erzählungen: Roter Faden ist seine Autobiografie „Chronicles“, in die sich Niedecken zwischendurch immer wieder vertieft; die entsprechenden Passagen werden aus dem Off von der angenehmen Stimme des Synchronsprechers Christian Schult vorgetragen. Die über die Originaldialoge gelegten deutschen Übersetzungen der Gespräche sind ebenfalls vorzüglich. Niedecken spricht sich natürlich selbst, aber auch seine Interviewpartner sind sehr lebendig „synchronisiert“ worden. Sehr sympathisch ist auch die Idee, den Weg immer wieder von den Alben säumten zu lassen, um die es gerade geht. Ansonsten entspricht „Bob Dylans Amerika“ dem Stil der klassischen „Presenter“-Reportage, wobei Niedecken mit seiner natürlichen Neugier und seiner angenehmen Art der perfekte Protagonist ist, und das nicht nur, weil er ein aufmerksamer Zuhörer ist; im Unterschied zu vielen anderen „Presentern“ entspricht es einfach nicht seinem Naturell, sich wichtig zu machen.

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