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"Blick in den Abgrund", ARD Harter Stoff

Thriller wie „Das Schweigen der Lämmer“ haben das öffentliche Bild des Kriminalpsychologen nachhaltig beeinflusst. Wie deren Arbeit in Wirklichkeit aussieht, zeigt eine umfassende Dokumentation. Die Inhalte sind intensiv – hier hat die späte Sendezeit einen guten Grund.

Einblicke in die Pathologie zeigt die Dokumentation "Blick in den Abgrund". Foto: © SWR/Belle Epoque Film

Der Erfolgsfilm „Das Schweigen der Lämmer“ ist ständig präsent. Durchdringt alles, wenn die Sprache auf Forensische Psychologen kommt, deren Tätigkeit mit dem modischen Begriff „Profiler“ unzureichend beschrieben ist. Helinä Häkkänen-Nyholm gehört diesem Berufsstand an, und als sie im Taxi zum Präsidium fährt, fragt der gesprächige Taxifahrer schließlich, ob sie ein bisschen sei wie Jodie Foster im „Schweigen der Lämmer“. Da muss die spröde Finnin schmunzeln. Die Realität sei etwas ganz Anderes, erklärt sie.

Dann gibt es Roger L. Depue und Robert R. Hazelwood, beide ehemalige FBI-Profiler, inzwischen privatwirtschaftlich tätig. Sie schauen gemeinsam „Das Schweigen der Lämmer“ und rühmen die Schauspielkunst des Walisers Anthony Hopkins, der 1991 den Kollegen Brian Cox in der Rolle des Hannibal Lecter abgelöst hatte. Depue hat eine besondere Beziehung zu dem preisgekrönten Thriller: Er war einst Chef der FBI-Verhaltensforschung und lieferte das Vorbild für die Filmfigur Jack Crawford (Scott Glenn). „Der sieht aber viel besser aus als du“, lästert Hazelwood. Thomas Harris, Autor der Romanvorlagen um den so genialen wie bestialischen Serienmörder Lecter hatte die realen Ermittler interviewt, sie erkennen manches wieder, was sie Harris vermittelt hatten.

Ohne es eigens anzusprechen – ihr Film kommt ganz ohne Kommentare aus – schafft die österreichische Dokumentarfilmerin Barbara Eder einen funktionierenden Spannungsbogen: Es gibt das Bild des Profilers in der Populärkultur, das von der Überzeichnung lebt, und es gibt den Arbeitsalltag, der ein robustes Nervenkostüm erfordert. Immer wieder berichten die porträtierten Kriminalpsychologen, darunter der Südafrikaner Dr. Gérard N. Labuschagne und der Deutsche Stephan Harbort, dass Kollegen vorzeitig ausgestiegen sind, weil sie die Belastungen des Berufes nicht mehr ertragen haben, den Besuch entsetzlicher Tatorte und die Begegnung mit zutiefst deformierten Persönlichkeiten. „Vielleicht wäre ich ein glücklicherer Mensch, wenn ich nicht Profilerin wäre“, sagt auch die stets bekümmert wirkende Helinä Häkkänen-Nyholm.

Den früheren Kriminalhauptkommissar, Dozenten und Sachbuchautor Stephan Harbort interessiert gerade das Wesen der Täter. Die Kamera zeigt ihn im Gespräch mit einem Mehrfachmörder und -vergewaltiger, dem Harbort geduldig Aussagen zu seinen Taten entlockt. Harter Stoff, Zartbesaitete seien gewarnt.

Das gilt für den gesamten Film, der neben mündlichen Schilderungen auch verstörende Bilder von Tatorten und aus der Rechtsmedizin bereithält. Und doch sind die Aufnahmen noch dezent, verglichen mit dem, womit sich die Forensische Psychologen häufig konfrontiert sehen.

Die Filmautorin begleitete ihr Protagonisten nicht nur bei der Arbeit, sondern auch im Privatleben. Ihre jeweiligen Fälle begleiten sie, oft diskutieren sie Einzelheiten mit ihren Lebenspartnern, manchmal im Kreise der Familie am Esstisch. Wobei in Betracht zu ziehen ist, dass sie sich von der Anwesenheit der Kamera zu diesem Verhalten animiert fühlten.

Der neunzigminütige Dokumentarfilm „Blick in den Abgrund“, vom SWR koproduziert, vermittelt ein Bild von der Tätigkeit der Forensischen Psychologen abseits der Krimiklischees. Bei den beiden ehemaligen FBI-Koryphäen liegt es nahe, aber gern hätte man gewusst, warum die übrigen Ermittler für den Film ausgewählt wurden, die Finnin, der Südafrikaner, der Deutsche. Der Kriminalist Stephan Harbort übrigens, das unterschlägt der Film, legt Wert darauf, dass die psychologische Erforschung von Serientäterverhalten nicht nur Mörder umfasst. Auch dieses Image verdankt sich der grassierenden Krimiwelle. Thomas Harris hat mit „Das Schweigen der Lämmer“ ganze Arbeit geleistet.

 

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