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„Betrug“, ARD Eltern auf der Designer-Couch: ratlos

David Spaeth gelingt ganz ohne Kommentar ein filmisches Schlaglicht auf eine disparate Gesellschaft.

„Betrug“
Bastian im Interview. Foto: SWR

Das ist ein Film, den man am liebsten allein durch die Zitate der auftretenden Personen beschreiben würde. Weil sie so viel erzählen, diese Sätze. Über die Sprechenden, ihr philanthropisches Selbstverständnis, ihre milde Sicht auf die Welt, ihre Hilflosigkeit, aber auch ihren Kampf ums Dazugehören. Und damit zugleich über eine Gesellschaft, in der die Unterschiede zwischen denen, die es geschafft haben, und denen, die es nicht schaffen, selten in solcher Schärfe zutage treten, wie wenn die eine mit der anderen Welt direkt konfrontiert wird.

Und das passierte mit Basti. Sie nennen ihn immer noch Basti – obwohl er sie hintergangen und um mehrere zehntausend Euro betrogen hat. Obwohl sie um die Zukunft des von ihnen unterhaltenen Kinderhauses fürchten mussten. Aber sie sitzen da, immer paarweise, in Söckchen auf ihren Designer-Sitzmöbeln, und sind ratlos. Wie konnte das geschehen?

David Spaeths erstaunlicher, unbedingt sehenswerter Film „Betrug“ gibt die Antworten, ohne dass der Autor ein einziges Wort des Kommentars beisteuern müsste. Die Form ist denkbar streng, wird nur aufgelockert durch kurze surrealistische Party-Szenen samt dröhnender Musik.

Spaeth platziert die Paare auf ihre – meist grau-melierte – Couch im Wohnzimmer und filmt nur die Reaktion auf seine Fragen oder auf die Aussagen von Basti. Und filmt den Mann, der den Betrug begangen hat, auf seiner nicht so eleganten Sitzgelegenheit in seiner nicht so eleganten Kleidung und lässt ihn erzählen, wie er es angestellt hat, in ein für ihn fremdes Milieu zu gelangen und dort Anerkennung zu erreichen – um den Preis, zum Betrüger zu werden.

Wie konnte das geschehen? Der Mann, der hier „Basti“ genannt wird, gibt kluge, selbst-reflexive und aufschlussreiche Antworten. Sein Movens ist ein brennender Ehrgeiz. Er will dazugehören. Er leidet unter dem, was er als Hypotheken empfindet: seine ostdeutsche Herkunft, ein Kind, das die Geburt nur knapp überlebt, eine Ehe, die unter der Belastung gelitten hat. Er will, dass sein Junge in dieses Kinderhaus in Schwabing kommt. „Typisch Schwabing“ sagt er, und meint damit die gut situierte Akademiker-Szene, die ihre Sprösslinge dort versorgt wissen will. Also bastelt er sich eine Vita, um aufgenommen zu werden, engagiert sich ungewöhnlich stark und schafft es, in den Vorstand gewählt zu werden, mit finanzieller Befugnis.

Beim ersten Mal fügt er der Summe von 500 Euro noch eine Eins hinzu. Der Rubikon ist überschritten. Er will nicht mehr nur dazugehören, er will der tolle Hecht sein, die Bewunderung der anderen. Er bekommt sie, beginnt sogar eine Affäre mit einer Mutter aus dem Elternkreis.

Anlass zur Hoffnung

Die Eltern sehen in ihm einen „Gschaftlhuber“, belächeln ihn auch, wenn er mit Muscle-Shirt und Protzauto beim Gruppenwochenende vorfährt, als „halb prollig“. Trotzdem, so erinnert sich eine Mutter; habe sie sich nie gefragt: „Stimmt das alles?“ Er habe immer eine plausible Erklärung gehabt bei Nachfragen. Und man ist ja liberal. Für Basti war die Zeit „eine krasse Ego-Befriedigung“. Wohl auch, weil er trotz aller Selbstzweifel und Ängste den Triumph über die da oben genießen konnte. Denn wenn er mal mit dem Ferrari vorfuhr, wusste er: Das ist nur in diesem Umfeld möglich, wo sich Leute keine Gedanken über Finanzen machen – weil sie sich keine Gedanken machen müssen, aber nie und nimmer „in der Arbeiterklasse“.

Als er aufflog, erntete er – Mitleid. Er wurde in den Arm genommen, Tränen flossen allerseits. „Ich hatte ein Gefühl, man müsse dem jetzt erstmal helfen“, sagt ein Vater. Der Betrüger war überwältigt. Es zeigt sich hier eben auch die Haltung von Leuten, die zu Empathie fähig sind, auch wenn sie sich in der Opferrolle finden. Die weich gebettet sind in ihrem Vertrauen zu anderen wie auch sich selbst.

Heute (das Gespräch ist wohl nach der Haft aufgenommen), verrät Basti Kenntnisse im Wortspiel: „Fehler“ habe ja dieselben Buchstaben wie „Helfer“. Anrührend, wenn er ankündigt, den Kindern zu beweisen: „Der Papa kann auch was, in ihm steckt mehr als nur der Kartenhausbauer.“ Ob ihm das gelungen ist, lässt der Film offen. Seine eigene schonungslose Schilderung seines Wegs gibt Anlass zur Hoffnung.

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