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„Auf dünnem Eis“ im ZDF So urteilen Asyl-Entscheider über Leben und Tod

Stimmt die Geschichte? Anhand eines Gesprächs entscheiden BAMF-Mitarbeiter, ob Geflüchtete Asyl erhalten oder nicht. Ein ZDF-Team war dabei.

Die Asylentscheider
Innerhalb von wenigen Stunden müssen die BAMF-Mitarbeiter über Schicksale entscheiden. Foto: Marcus Winterbauer

In deutschen Amtsstuben wird tagtäglich über Schicksale entschieden, aber die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bundesamtes für Migration (Bamf) tragen eine ganz besondere Verantwortung: Sie treffen womöglich Entscheidungen über Leben oder Tod. Im Rahmen einer Anhörung, die bis zu drei Stunden dauern kann, müssen sie sich ein Bild davon machen, ob die Schilderungen der Asylbewerber die Voraussetzungen auf Bewilligung ihres Asylantrags erfüllen.

Im Rahmen ihres leider viel zu spät ausgestrahlten Kleinen Fernsehspiels „Auf dünnem Eis“ stellen Sandra Budesheim und Sabine Zimmer drei dieser Asylentscheider vor. Obwohl die filmischen Voraussetzungen denkbar ungünstig sind – die gut 95 Minuten bestehen fast nur aus Gesprächen -, ist den beiden Autorinnen ein erstaunlich spannendes Stück gelungen. Das hängt vor allem mit der Auswahl der Protagonisten zusammen, die glaubhaft vermitteln, dass sie ihre Entscheidungen nicht leichtfertig treffen. Basis ihrer Arbeit ist ein fünfwöchiges Seminar im Qualifizierungszentrum des Bamf, und auch dort waren Budesheim und Zimmer zu Gast.

Die Teilnehmer sollen lernen, wie sie die unvermeidliche Gratwanderung im Arbeitsalltag vollziehen: Einerseits passen viele Anträge in ein bestimmtes Muster, andererseits dürfen sie nicht in Routine verfallen und sich auf die individuelle Situation jedes Antragstellers einlassen. Die Fragen der Bamf-Azubis sind naheliegend: Wie reagiert man, wenn jemand ganz offensichtlich eine Räuberpistole erzählt? Oder aggressiv und womöglich handgreiflich wird? 

Ob die Geschichte des jungen Mannes aus Somalia erfunden ist, wird man vermutlich nie erfahren: Er ist von einer Rebellenmiliz verschleppt worden, wurde zum Kampf gezwungen, konnte fliehen und hat sich bei seinem Onkel versteckt, der dafür mit seinem Leben bezahlten musste.

Der Entscheider lehnt den Antrag schließlich ab, aus seiner Sicht enthält die Geschichte zu viele Widersprüche, zumal der Afrikaner diverse Erinnerungslücken hat. Aber er räumt ein, dass er mit sich ringen musste und den Bescheid erst mal beiseite gelegt hat, um drüber zu schlafen. Sein Kollege verwendet im Zusammenhang mit seiner Arbeit den Begriff „Selektion“, was ungute Assoziationen weckt; trotzdem machen gerade die beiden vergleichsweise jungen Männer von der Bamf-Außenstelle in Bingen nicht den Eindruck, als seien die Menschen, mit denen sie zu tun haben, bloß Fälle für sie.

Macherinnen bemühen sich um Objektivität

In den Anhörungen wirken sie offen, zugewandt, sympathisch. Sie nehmen die Asylbewerber nicht ins Kreuzverhör und bleiben auch dann freundlich, wenn sie über Ungereimtheiten stolpern. Sollte die Anwesenheit des Filmteams eine gewisse Befangenheit bewirkt haben, so lassen sie es sich zumindest nicht anmerken; andererseits machen sie nicht den Eindruck, als seien sie besonders zuvorkommend, nur weil eine Kamera im Raum ist.

Signifikant ist auch der Unterschied zur Machart der ZDF-Reihe „37 Grad“; dorthin hätte das Thema ebenfalls sehr gut gepasst. Aber Budesheim und Zimmer enthalten sich jedes Kommentars; bei den Gesprächen mit den drei Entscheidern sind nicht mal ihre Fragen zu hören.

Die Autorinnen geben keinerlei Denkrichtung oder Bewertung vor; sie versuchen vielmehr, die Dinge so objektiv wie möglich zu schildern. Deshalb fällt eine Szene auch aus dem Rahmen: Beim Besuch eines Antragstellers aus Afghanistan zeigt ein TV-Sender aus der Heimat des Mannes, wie eine Person offenbar zu Tode getrampelt wird. Nun ist auch das einzige Mal eine der Autorinnen zu hören, die wissen will, was da gerade passiert: Eine Frau hat vor einer Moschee Seiten aus dem Koran verbrannt, daraufhin ist anscheinend eine wütende Menge über sie hergefallen. Der Antrag des Afghanen wird trotzdem nicht bewilligt; seine Rechtsanwältin glaubt, die Ablehnung habe politische Gründe, es gebe wohl zu viele Asylbewerber aus Afghanistan.

Gefühle dürfen keine Rolle spielen

Abgesehen von kurzen Zwischenspielen konzentriert sich der Film weitgehend auf die beiden Männer und eine erfahrene Kollegin aus Hamburg, die nachvollziehbar erläutert, warum Gefühle bei ihrer Arbeit keine Rolle spielen dürfe: weil es automatisch zu ungerechten Entscheidungen führe, wenn sie sich von Sympathien leiten lasse. Die Antragsteller kommen ebenfalls auch außerhalb der Anhörung zu Wort; auf diese Weise hat zum Beispiel der Somalier Gelegenheit, die vermeintlichen Widersprüche zu erklären.

Was an Kritikpunkten bleibt, sind Kleinigkeiten. Einige der Zwischenspiele, die vermutlich der Auflockerung dienen sollten, hätten sich die Autorinnen auch sparen können, etwa den Mittagspausenplausch der beiden Bingener über ihre Urlaubspläne. Der Schluss allerdings fällt aus dem Rahmen. Er wirkt, als hätten Budesheim und Zimmer ihren Film insgesamt zu nüchtern gefunden: Im Epilog schildert eine irakische Kurdin in einem Ankunftszentrum für Flüchtlinge derart grauenhafte Erlebnisse, dass schließlich erst sie selbst und dann auch der Dolmetscher zu weinen beginnen. Natürlich sorgt diese hohe Emotionsdosis für tiefe Betroffenheit; aber sie konterkariert auch den ansonsten angenehm sachlichen Stil des Films.

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