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„Auf der Straße“ Abwärts und aufwärts

Der neue Christiane-Hörbiger-Problemfilm – Thema heute: Obdachlosigkeit – überrascht in einem scheinbar festgefahrenen Genre mit neuem stilistischen und inhaltlichen Mut. Nicht ganz ein Befreiungsschlag, aber ein Schritt in die richtige Richtung. 

13.10.2015 17:22
DJ Frederiksson
Hanna Berger (Christiane Hörbiger) will sich von einem anderen obdachlosen Flaschensammler (Jurij Schrader) nicht beklauen lassen. Foto: ARD Degeto/Svenja von Schultzend

Der neue Christiane-Hörbiger-Problemfilm – Thema heute: Obdachlosigkeit – überrascht in einem scheinbar festgefahrenen Genre mit neuem stilistischen und inhaltlichen Mut. Nicht ganz ein Befreiungsschlag, aber ein Schritt in die richtige Richtung. 

Man sollte meinen, das Team um Regisseur Florian Baxmeyer, Autor Thorsten Näter und Kameramann Wedigo von Schultzendorff könne nicht mehr überraschen. In wechselnder Besetzung haben sie in den letzten Jahren mit Christiane Hörbiger formelhafte „Problemfilme“ gedreht, in denen aktuelle gesellschaftliche Themen durchgespielt und schnell aufgelöst werden: Alzheimer („Stiller Abschied“), Alkoholismus („Wie ein Licht in der Nacht“), Fremdenfeindlichkeit („Bis zum Ende der Welt“). Sie haben dafür eine Hörbiger-Parallelwelt geschaffen, gutausgeleuchtet, mit leicht zu erkennenden und zu durchschauenden Figuren, klaren Konflikten, und mit einer Hauptfigur, die unablässig ihren Subtext ausspricht.

Auch das inhaltliche Schema ist stets das gleiche: Hörbiger startet als erfolgreiche, rundum glückliche Frau, gerät durch ein Missgeschick auf die schiefe Bahn, verliert alles was ihr wichtig ist, zerrüttet das ohnehin schon labile Verhältnis zu ihrer Familie, sucht sich erst im letzten Moment Hilfe – und wird abschließend noch einmal auf eine Probe gestellt. Dieses Jahr ist also Obdachlosigkeit dran. Muss man sich das überhaupt noch anschauen?

Man muß nicht, aber man sollte. Denn mit dem Abstieg nach ganz unten in die Gosse haben alle Beteiligten auch einen bewussten Schritt nach oben gemacht. Das beginnt schon in den ersten Einstellungen, wo Kameramann von Schultzendorff, der immerhin auch schon mal für Woody Allen und Oskar Roehler drehen durfte, spürbar von der Leine gelassen wird. Nach einer virtuosen, schwebende Blickbewegung durch die Stadt löst er die erste Handlungsszene mit zwei fast einminütigen, ununterbrochenen Handkamerafahrten auf. Da hat sich jemand etwas vorgenommen.

Der restliche Film wechselt klug zwischen der nervösen, wackligen Handkamera, die Hörbiger folgt und ihr über die Schulter schaut, und einer entfesselten, schwerelosen Vogelperspektive hin und her. In dem ungleich biederen „Wie ein Licht in der Nacht“ durfte oder konnte von Schultzendorff noch nicht so stark aufspielen.

Auch Autor Näter zieht dieses Mal die Schrauben an. Er lässt sich gar nicht mehr auf die Heile-Welt-Idylle ein, die sonst den Rahmen der bisherigen Hörbiger-Filme darstellten, sondern lässt die Welt bereits nach drei Minuten einstürzen: Der Ehemann ist tot, sein Geschäft überschuldet, die Wohnung wird gepfändet – und schon stehen wir mitten im Milieu. Vielleicht hat Näter erkannt, dass dieses Thema die bisherigen an Drastik übersteigt. Auf jeden Fall erschafft er Szenen, Figuren und Dialoge, die an Entschlossenheit weit über das hinausgehen, was man von einem solchen Film erwarten würde.

Die abgerissenen Gestalten, die lauthals Obszönitäten brüllen, werden ebenso wenig ausgeblendet wie die stockdunkle Hoffnungslosigkeit einiger Schauplätze und Szenen. Tatsächlich erkennt man sogar so etwas wie eine liebevolle Empathie für diese Gestalten – ein seltenes Glück im deutschen Fernsehen, das üblicherweise gerne von oben nach unten Ratschläge erteilt und eher die Kommissare oder Ärzte über solche Themen zu Wort kommen lässt als die betroffenen Obdachlosen oder Drogensüchtigen.

Poesie und brutaler Realismus

Regisseur Baxmeyer macht dann auch gleich mit der restlichen Hörbiger-Ästhetik kurzen Prozess. Anstelle des leicht überhöhten, gleichnishaften Tonfalls der bisherigen Filme wagt er Momente von echter Poesie – direkt gefolgt von brutalem Realismus. Zudem hat er verstanden, daß man Obdachlosigkeit im Gegensatz zu Alkoholismus oder Fremdenfeindlichkeit nicht mehr als gutaussehendes Problem unter gut ausehenden Leuten zeigen kann. So sieht man Nebendarsteller, die nicht wie geschminkte Wohlstandsfiguren wirken, sondern glaubhaft den körperlichen Verfall des Straßenlebens darstellen.

Darunter fällt auch Hörbiger selbst, die man noch nie so verhärmt und verletzlich gesehen hat. Hohläugig, mit eingefallenen Wangen und strohigen Haaren stolpert sie durch die Gosse, beginnt, mit Tieren zu reden, keift andere Obdachlose an. Zwar hakt es immer noch an subtilen oder nebensächlichen Reaktionen – aus einem kleinen Aufschauen wird ein überdramatischer Double Take, aus einer beiläufigen Begrüßung wird eine gestelzte Fernsehformalität – aber selbst ihre berüchtigte überkandidelte Sprechweise wirkt diesmal erstaunlich passend für eine Figur, die sich unter fluchenden Pennern vergeblich bemüht, ihre gutbürgerliche Würde zu behalten.

Das liegt auch an der herausragenden Nadine Boske, die ihr als erfahrene Obdachlosenrebellin endlich mal einen rotzigen Gegenpart gibt. Sie kann die etwas hölzernen Dialoge tatsächlich mit Leben, Leidenschaft und manchmal auch mit echter Galle füllen.

Ganz die Form sprengen, das traut sich „Auf der Straße“ letztlich aber nicht. Das Schema bleibt das gleiche, natürlich löst sich alles in Wohlgefallen auf, wenn die Hauptfigur erstmal zuzugeben lernt, Hilfe zu brauchen. Dazu gibt es eine krude Konstruktion um eine gutbürgerliche Tochter (Margarita Broich in der undankbarsten Rolle), die dann doch einen leichten Ausweg darstellt – wenig repräsentativ für das tatsächliche gesellschaftliche Problem. Und natürlich darf Hörbiger, nachdem die letzte Probe gemeistert ist, erneut brav ausformulieren, was sie gelernt hat, was sich verändert hat und was nun die Moral von der ganzen Geschicht' ist.

Doch selbst die formelhaften Momente, die die schwächsten des Films darstellen, zeigen eine andere Ernsthaftigkeit. Zwar endet „Auf der Straße“ genau wie schon das Alkoholismus-Drama „Wie ein Licht in der Nacht“ mit einem Mutter-Tochter-Dialog. Doch damals landete Hörbiger wieder heile in ihrer bürgerlichen Idylle, und ihr letzter Satz lautete: „Es geht mir gut – und diesmal meine ich das auch.“ Diesmal dagegen steht am Ende die Frage im Raum: „Ist das wirklich in Ordnung?“ Die Kamera schwebt davon wie ein Vogel und zeigt, daß es eine echte Rückkehr nie geben kann. Nicht in diesem Film.

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