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„Auf der Spur des rechten Terrors“ (ZDF) Es geschah am helllichten Tag

Die verstörende ZDF-Dokumentation „Auf der Spur des rechten Terrors“ enthüllt die „sieben Geheimnisse des NSU“.

Die sieben Geheimnisse des NSU
Der „Nationalsozialistische Untergrund“ zieht eine Blutspur durch Deutschland. Rechtsextreme Terroristen morden, überfallen Banken. Jahrelang wurde ermittelt. Doch auch nach den Urteilen des NSU-Prozesses sind viele Fragen sind noch immer unbeantwortet. Foto: ZDF/Frank Reinmann

Auch nachdem das Urteil im NSU-Prozess gesprochen ist, bleiben viele Rätsel ungelöst und einige sind womöglich wichtiger als die Frage, welche Rolle Beate Zschäpe bei den Morden des sogenannten Nationalsozialistischen Untergrunds gespielt hat. Rainer Fromm geht in seiner Dokumentation „Auf der Spur des rechten Terrors“ einigen dieser offenen Fragen nach: Wie groß war der NSU wirklich? Und welche Rolle spielte der Staat? Sein Film trägt den Titelzusatz „Die sieben Geheimnisse des NSU“.

Wäre es angesichts der Opfer nicht so makaber, könnte man von den perfekten Zutaten für einen Verschwörungs-Thriller sprechen; und tatsächlich haben sich ja bereits zwei Spielfilme mit der Materie befasst. 2016 hat der Abschluss der preisgekrönten „NSU“-Trilogie „Mitten in Deutschland“ (ARD 2016) beschrieben, wie gezielt der Verfassungsschutz die Suche nach dem Mördertrio behindert hat. Ein Jahr zuvor ist bereits Wolfgang Schorlaus packender Roman „Die schützende Hand“ (2015) erschienen. Darin geht sein Held, der Privatdetektiv Dengler, den vermeintlichen oder tatsächlichen Ermittlungspannen rund um den mutmaßlichen Selbstmord der beiden NSU-Täter Mundlos und Böhnhardt nach; das ZDF hat die Verfilmung des Romans unter dem Titel „Dengler und die schützende Hand“ im November 2017 ausgestrahlt.

Würde es den Thriller nun wiederholen, könnten sich viele Zuschauer ein Bild davon machen, wie richtig Schorlau mit vielen seiner Vermutungen lang; Fromms Film „Auf der Spur des rechten Terrors“ wirkt wie eine jener ergänzender Dokumentationen, mit denen ARD und ZDF an Themenabenden Spielfilme von gesellschaftspolitischer Relevanz ergänzen.

Natürlich kann Fromm all’ jene Fragen, die die Nebenkläger im NSU-Prozess vor seiner Kamera aufwerfen, nicht endgültig beantworten; aber schon allein die Existenz dieser Fragen ist ein Skandal. Selbst wenn sich der eine oder andere Vorwurf entkräften oder wenigstens schlüssig erklären ließe: Viel zu viele Details bleiben ungeklärt und im Dunkeln; es wird seine Gründe haben, dass ein Teil jener Akten, der den Nebenklägern nicht zugänglich gemacht wurde, absurde 120 Jahre unter Verschluss bleiben soll.

Fromms Film ist der respektable Versuch, Schlaglichter in dieses Zwielicht zu werfen, das die Staatsschützer mit ihrer Verdunkelungsstrategie erzeugt haben. Über den Stil kann man sicher streiten. Immer wieder setzt der Autor musikalische Ausrufezeichen, die eigentlich gar nicht nötig wären, weil die Ungeheuerlichkeit vieler Fakten für sich spricht. Überzeugender ist die abwechslungsreiche Bildgestaltung, die verhindern soll, dass der Film zur Aneinanderreihung redender Köpfe wird. Gelungen sind auch die grafischen Zwischenspiele, in denen die sieben Geheimnisse als Puzzleteile erscheinen lassen; erst die Lösung dieser Rätsel würde das ganze Bild entstehen lassen.

In der Tat ist es ja befremdlich, wie sehr die Ermittler darauf beharren, das NSU-Trio habe die zehn Morde ganz auf sich allein gestellt vorbereitet und ausgeführt. Minutiös arbeitet Fromm mit Hilfe der Nebenkläger, aber auch mit Unterstützung von Mitgliedern der Untersuchungsausschüsse in Thüringen und Hessen heraus, wie gering die Wahrscheinlichkeit ist, dass es sich bei den ermordeten Migranten wie auch bei der in Heilbronn erschossenen Polizistin Michèle Kiesewetter um Zufallsopfer handelt.

Der Hintergrund einiger Mordfälle lässt gar die These zu, die NSU-Killer seien eine Art Auftragsmörder der Neonazi-Szene gewesen. Geradezu frappierend ist die Fülle an Indizien, Hinweisen und Zeugenaussagen, die bei fast allen Taten auf Helfershelfer schließen lassen; unter anderem, weil Auswärtige keine Kenntnis von diversen lokalen Besonderheiten haben konnten. Schon allein die sogenannte „Todesliste“, der sich um 20.15 Uhr auf ZDFinfo ein eigener Beitrag widmet („Die Todesliste des NSU“) ist mit ihren vielen „Ausspähdetails“ derart umfangreich, dass sie nicht nur von drei Personen erstellt worden sein kann. 

Umso bedenklicher ist das Beharren der Ermittler auf der Drei-Täter-Theorie, zumal Phantomzeichnungen ins bizarre Milieu der sogenannten Vertrauensleute verweisen. Von diesen „V-Leuten“ hat es im früheren Umfeld des Trios Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe offenbar geradezu gewimmelt; trotzdem hat angeblich niemand von der Mordserie gewusst. Dabei ist schon allein die Existenz des dank der großzügigen Entlohnung der „V-Leute“ nicht zuletzt mit Steuermitteln finanzierten rechtsextremistischen Netzwerks erschreckend.

Fromms Film wirft derart viele Fragen auf, dass die gesamte Untersuchung im Grunde von vorn beginnen müsste; immer vorausgesetzt, der Staat hat überhaupt ein Interesse an lückenloser Aufklärung.

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