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„Auf das Leben!“ Verfolgte Wege

Das anspruchsvolle Liebesdrama mit Hannelore Elsner und Max Riemelt ist eine geschickte Verknüpfung von Gegenwart und Vergangenheit.

05.08.2016 08:17
Tilmann P. Gangloff
Ein alter Film aus Ruths (Hannelore Elsner) Vergangenheit hat das Interesse von Jonas (Max Riemelt) geweckt. Foto: ZDF und JULIA TERJUNG

Wenn man weiß, dass dieses herausragend gute Drama mit einem Suizidversuch beginnt, wirkt der Titel beinahe zynisch. Dem scharfzüngigen Sarkasmus der weiblichen Hauptfigur ist ohnehin kaum jemand gewachsen. Dennoch ist „Auf das Leben!“ eine Ode an die Lebensfreude; und das, obwohl die lebensmüde Heldin mehr Leid erfahren hat, als ein Mensch alleine aushalten kann.

„Auf das Leben!“ erzählt von der jüdischen Sängerin Ruth Weintraub (Hannelore Elsner), die seit vierzig Jahren nicht mehr singt. Nach einer Zwangsräumung findet sich Ruth in einem anonymen Wohnghetto wieder. Nur durch Zufall verhindert der junge Jonas (Max Riemelt), dass sie ihrem Leben ein Ende setzt. Während Ruths Abwesenheit nistet er sich in ihrer Wohnung ein.

Dort findet er einige Filmdosen und einen Projektor: Anfang der Siebziger hat ein Filmstudent einen Dokumentarfilm über Ruth gedreht. Zunächst zeigen die Aufnahmen ihre mitreißenden Darbietungen jiddischer Lieder, dann erzählt sie, wie sie als Kind in Polen vor jenem Konzentrationslager bewahrt wurde, in dem ihre Eltern starben; und wie sie kurz drauf in letzter Sekunde vor einem deutschen Erschießungskommando gerettet wurde.

Geschickt verknüpft Drehbuchautor Thorsten Wettcke Gegenwart und Vergangenheit, zumal es dank Ruths Erzählungen auch noch Rückblenden in der Rückblende gibt. Dank des ausgefeilten dramaturgischen Konzepts ist die Geschichte jedoch nie verwirrend. Weil sich Filmstudent Victor damals prompt in Ruth verguckt hat, wandelt sich „Auf das Leben!“ unmerklich zur Liebesgeschichte. Als Ruth den Filmemacher vor laufender Kamera auf die Bühne bittet, stellt auch der verblüffte Jonas fest, was man als Zuschauer längst weiß: Er ist Victor wie aus dem Gesicht geschnitten. Der junge Mann ist ohnehin weit mehr als bloß ein Vorwand, um die Handlung ins Rollen zu bringen: Ähnlich wie Ruth will auch Jonas vor seinem Schicksal davonlaufen.

Uwe Janson hat zuletzt durch die Sat.1-Satiren „Der Minister“, „Die Schlikkerfrauen“ und „Die Udo Honig Story“ von sich reden gemacht. Mit „Auf das Leben!“ knüpft er an sein vor gut 25 Jahren entstandenes Nachkriegsdrama „Verfolgte Wege“ (sein Regiedebüt) an. Neben der kunstvollen Kombination der verschiedenen Zeitebenen beeindruckt sein jüngster Film nicht zuletzt durch die herausragende Kameraarbeit: Peter Joachim Krause sind Bilder von betörender Schönheit gelungen. Ruths grauenvolle Kriegserlebnisse sind dafür umso alptraumhafter. Nicht minder vorzüglich ist die Besetzung. Für Hannelore Elsner, die hier erstmals auch singt, ist die Ruth ebenso eine Traumrolle wie für die junge Ruth-Darstellerin Sharon Brauner; das Filmmusikalbum (erschienen bei Colosseum) enthält auch ihre jiddischen Lieder. Die Schlüsselfigur der Geschichte wird von Mathieu Carrière verkörpert, dessen prägnanter Auftritt allerdings so kurz ist, dass man nicht mal von einer Gastrolle sprechen kann.

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