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„Ashbal, die Kindersoldaten der Terrormiliz“ Sträfliche Vereinfachungen

Kindersoldaten gibt es, seit es Kriege gibt. Ein Dokumentarfilm auf Arte über blutjunge ehemalige IS-Kämpfer unterschlägt einordnende Informationen.

„Ashbal, die Kindersoldaten der Terrormiliz“
Kasswara wurde im Alter von 14 Jahren Kindersoldat der Terrororganisation IS. 2016 gelang ihm die Flucht nach Athen. Foto: Thomas Dandois

Kindersoldaten sind laut Definition der Vereinten Nationen Personen unter 18 Jahren, die von Streitkräften oder bewaffneten Gruppen als Kämpfer, Köche, Träger, Nachrichtenübermittler, Spione oder zu sexuellen Zwecken rekrutiert oder benutzt werden. Um einige von ihnen, die den Weg aus dem vom IS verwalteten Gebiet hinaus gefunden haben, geht es in „Ashbal, die Kindersoldaten der Terrormiliz“ von Thomas Dandois und François-Xavier Trégan. Richtiger müsste es im Titel „die ehemaligen Kindersoldaten der Terrormiliz“ heißen, denn dass sie den Islamischen Staat verlassen haben und sich auf den Weg nach Europa machen, ist der Anlass für die Dokumentation.

Die Sendung beginnt mit einer Infotafel, die erklärt, dass seit Beginn des Krieges in Syrien 2011 alle beteiligten Kriegsparteien Kindersoldaten in großer Zahl einsetzten und der IS seine eigenen Trainingscamps für Kindersoldaten habe. Im Laufe der kommenden knappen Stunde folgt eine Aneinanderreihung von Begegnungen mit einigen von ihnen: Zwei Brüder werden gezeigt, neun und zwölf Jahre alt, die als Selbstmordattentäter ausgebildet wurden und erzählen, was es im Paradies gäbe, das ihnen versprochen wurde. In Athen erzählt ein 16-Jähriger, der mit 14 freiwillig zum IS ging, wie er Säuberungen in eroberten Gebieten durchführte und für den Geheimdienst tätig war, bevor er vor der Miliz floh. Ein Kämpfer der Freien Syrischen Armee, der sich als Ersatzvater für die beiden Brüder vorstellt, zeigt ein Video, in dem ein vierjähriges Kind des IS einen gefesselten Mann erschießt. Dass er das Kind und seine Familie töten würde, wenn er es fände, sagt er und erklärt, dass solche Kinder sonst bald zur Bedrohung würden. Diese Aussage bleibt verstörend unkommentiert und wird im weiteren Verlauf der Dokumentation in keiner Form wieder angesprochen.

Eine ehemalige Lehrkraft des IS spricht ebenso sowie ein Lehrer Deir al-Zohar, der nach der Eroberung der Miliz versuchte, seine Schüler vom Einfluss der neuen Machthaber fern zu halten. In Trier zeigt ein Flüchtling Handy-Videos von seinen kleinen Brüdern, die mit der Mutter noch im Gebiet des Islamischen Staates leben und mit Freude zu dessen Kinderveranstaltungen gehen. Zuhause imitieren sie Halsdurchschneiden und ignorieren den Laptop, den der Bruder aus Deutschland ihnen geschickt hat, damit sie Counter-Strike spielen, statt sich vom IS manipulieren zu lassen. Ein 15-Jähriger trägt Lieder vor, die er den Kämpfern gesungen hat, um ihre Moral zu steigern, und ein 26-Jähriger ehemaliger Frontkämpfer erzählt von den Kindersoldaten, die seine Kameraden waren.

Bevor die Sendung ebenso unvermittelt endet wie sie begann, reflektieren einige der Jungen, wie ihre Erlebnisse sie für immer veränderten. Dann beschließt eine Infotafel den Spuk, die sagt, dass die meisten Kinder, die dem IS entfliehen konnten, auf sich allein gestellt seien und einige von ihnen unerkannt mitten in Europa lebten.

„Ashbal, die Kinder der Terrormiliz“ ist auf dem besten Sendeplatz des Arte-Themenabends „IS – Das Nachbeben“ programmiert. In der Presseinformation ist zu lesen, dass der IS den Nahen Osten in einen nicht enden wollenden Krieg tauche und auch Europa von der Terrorwelle erfasst werde. Die Kinder des hier besprochenen Beitrags werden als „wandelnde Zeitbomben“ bezeichnet, und die Regisseure würden fragen, wie man sie „entschärfen“ könne. Genau das tun sie nicht.

Thomas Dandois und François-Xavier Trégan haben den Gegenstand ihres Films mit sträflicher Simplifizierung behandelt. Durch den Verzicht, bzw. die Unterlassung jeglicher Kontextualisierung des Themas suggerieren sie sowohl eine Einmaligkeit des Phänomens als auch, dass die ehemaligen Kindersoldaten des IS zwangsläufig eine Gefahr für (West-) Europa darstellen. Dabei gibt es Kindersoldaten, seit es Kriege gibt, und sie kommen schon seit Jahrzehnten als Flüchtlinge auch zu uns.

Ehemalige Kindersoldaten, Former Child Soldiers (FCS), ist ein Fachbegriff, der in der Wissenschaft, der psychosozialen Arbeit und in der Politik genutzt wird. Seit dem Genozid in Ruanda Mitte der 1990er Jahre befassen sich Fachleute besonders intensiv mit der Thematik. Die „Roméo Dallaire Child Soldiers Initiative“, um nur ein Beispiel zu nennen, begann ihre Arbeit mit der Frage, wie ehemalige Kindersoldaten, die als Flüchtlinge nach Kanada kamen, geheilt sowie in die Gesellschaft integriert werden können. Die an die Universität Dalhousie in Halifax angeschlossene Initiative stellt ihre Forschungsergebnisse und Handbücher kostenfrei online zur Verfügung. Unter der Federführung von Quilliam in London und in Zusammenarbeit mit der UNESCO hat sie im März 2016 die umfangreiche vergleichende Studie „The Children of the Islamic State“ herausgegeben, die ebenfalls kostenlos im Netz zu haben ist. Die Frage, wie verhindert werden kann, dass diejenigen Kinder und Jugendlichen des Islamischen Staates, die nach Europa kommen, hier die ihnen antrainierte Gewalt ausüben, ist in der Studie von zentraler Bedeutung.

Dass ehemalige Kindersoldaten gefährlich werden können, schließt nicht aus, dass sie gleichzeitig Opfer sind und der Hilfe bedürfen. Ihr Schicksal medial zu nutzen, um Angst zu schüren, ist den Kindern und Jugendlichen gegenüber ebenso unverantwortlich und niederträchtig wie der Gesellschaft gegenüber, die das Fürchten vor ihnen gelehrt bekommen soll.

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