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Arte Zaatari - Leben im Nirgendwo

Die brasilianisch-deutsche Koproduktion über das syrische Flüchtlingslager Zaatari im Norden Jordaniens ist eine Mischung aus Informationssendung und Creative Documentary.

Zaatari - Leben im Nirgendwo
Mohammad Al-Jaukhadar bemalt die Wohncontainer in dem Flüchtlingslager Zaatari, um etwas Farbe in das eintönige Camp zu bringen. Foto: gebrueder beetz filmproduktion/Thomas Keller

„Was wisst ihr über Fotografie?“ fragt Fatima ihre Schülerinnen. „Man kann damit Gefühle vermitteln“, sagt ein Mädchen. „Fotos halten auch Erinnerungen fest“, ergänzt eine andere. Was wissen Sie über Dokumentarfilme? möchte man das Publikum hinsichtlich Zaatari – Ein Leben im Nirgendwo von Paschoal Samora fragen – und hoffen, es möge antworten, dass Dokumentarfilme und Realität nicht immer miteinander zu tun haben.

Die brasilianisch-deutsche Koproduktion über das syrische Flüchtlingslager Zaatari im Norden Jordaniens ist eine Mischung aus Informationssendung und dem, was seit einigen Jahren Creative Documentary heißt. Im Laufe der Sendung werden verschiedene Bewohnerinnen und Bewohner Zaataris vorgestellt, die alle im weitesten Sinne künstlerisch engagiert sind. Fatima aus der Ghouta, der Kornkammer von Damaskus und einer jihadistischen Hochburg, zum Beispiel hat im Lager fotografieren gelernt.

Eine Tätigkeit, die sie bereichert und welche sie an Kinder und Jugendliche weitergibt. Morgens unterrichtet sie die Mädchen und nachmittags die Jungen. Sie selbst hat im Flüchtlingslager den Niqab, den Gesichtsschleier, angelegt - wie so viele Frauen, heißt es im Kommentar. Informationen wie diese werden immer mal in den Film gesprenkelt und bleiben völlig unvermittelt. Die Protagonistinnen und Protagonisten von Zaatari – Leben im Nirgendwo sind allesamt religiös, die einen sehr, die anderen weniger. Sie sprechen in den für den syrischen Bürgerkrieg üblichen Codes, die die Filmschaffenden nicht zu kennen scheinen. Im Film zählen künstlerisches Tun und die Resilienz der Opfer. Obwohl im Lager alles politisch ist, obwohl Jordanien seit 2014 monatlich Hunderte vom UNHCR registrierte Flüchtlinge, auch aus Zaatari, aus nicht näher definierten Sicherheitsgründen (in der Regel geht es um Jihadisten und ihre Familien) völkerrechtswidrig nach Syrien deportiert, verharrt die Sendung in schemenhaften und dichotomen Vorstellungen über diesen Krieg.

Es ist vielleicht der größte Fehler des Films, die Gegnerinnen und Gegner des Assad-Regimes ausschließlich als Opfer zu sehen. Grade die religiösen Gruppen haben sich jahrzehntelang umfassend auf einen Umsturz vorbereitet, mit dem Ziel, einen wie auch immer gearteten islamischen Staat zu schaffen.  Während der Dreharbeiten 2016 war schon zu viel über den Krieg bekannt, waren schon zu viele solide Bücher erschienen, als dass eine solche Ignoranz in einem so gut mit öffentlichen Geldern finanzierten Dokumentarfilm entschuldbar wäre.

Außer Fatima lernt das Publikum noch Mohammad Al-Jaukhadar, einen Maler; Ahmed Harb, einen Theatermacher; Bader Al-Shilbi, einen Landwirt, der jetzt in der Wüste gärtnert; ein Ehepaar, das ein Kind erwartet - mit dessen Geburt der Film endet - sowie Mubarak, einen Jugendlichen, kennen, der eigentlich Lehrer werden wollte und nun als Gemüsehändler arbeitet.

Mubarak ist das Bindeglied zur anderen Ebene des Films, die sich mit dem Lager an sich befasst. Es gibt Luftaufnahmen sowie bodenständige Eindrücke vom Straßenleben. Es geht um die Wasserverteilung und die Schwierigkeit, dass die unterschiedlichen Sektoren des Lagers von verschiedenen Hilfsorganisationen auf jeweils andere Art geführt werden sowie um die Mitbestimmung und Selbstverwaltung der Flüchtlinge. Die meisten Aufnahmen gibt es von der Champs-Élysées, der Hauptgeschäftsstraße Zaataris.

Dort flanieren der UNHCR Mitarbeiter Gavin White, der die mehr als 40 Hilfsorganisationen im Camp koordiniert, und der Ingenieur Ricardo Vargas, der das Lager 2012 maßgeblich mit geplant hat. Vargas ist das erste Mal seit vier Jahren wieder in Zaatari und sieht sich um. Es war kein Ort, der auf Dauer angelegt war. White betont das Engagement der Flüchtlinge, das er sehr besonders findet. Grade so, als habe er sich noch nie mit den Dynamiken in Flüchtlingslagern befasst. In Jordanien hätte er viele Beispiele, mehr als zwei Millionen palästinensische Flüchtlinge sind bis heute in Flüchtlingslagern der UNO in Jordanien registriert, auch einige Zehntausend irakische Flüchtlinge sind noch im Land.

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