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Arte Kurze Fluchten im Fernsehen am Nachmittag

Das Arte-Programm zwischen Mittag und Abend: Der Sender bringt statt Telenovelas gern Reisereportagen und Tierfilme.

Unbekanntes Arabien (1/5)
„Blumenmänner“ von Asir. Foto: Connie Goos/RBB

Das Fernsehprogramm besteht aus Schubladen. Morgens Wiederholungen, mittags Informationen, nachmittags Schmonzetten, abends für alle etwas, meist Mord und Totschlag, nachts dann Spielfilme und der Versuch, dem Bildungsauftrag halbwegs nachzukommen mit Dokumentationen, die auch mal die Schattenseiten des Globus beleuchten. Das gilt zuvörderst für die öffentlich-rechtlichen Sender. Sie haben sich im Wissen um ihre Formatierung und dank ihres großen Etats von acht Milliarden Euro pro Jahr inzwischen ausgebreitet und zeigen auf ihren Spartenkanälen – das gleiche, bloß aufgeteilt, eben nach Sparten.

Eine Ausnahme sind in mancher Hinsicht die Gemeinschaftsprojekte mit ausländischen Partnern, etwa der Kulturkanal 3sat mit Schweizer und österreichischer Beteiligung und der deutsch-französische Sender Arte. Er vor allem hebt sich ab vom Setzkasten der anderen Anstalten, legt sein Programm dabei aber ebenfalls auf Wiedererkennbarkeit an. Sein Anspruch, anders zu sein, und sein Vorteil, Beiträge aus dem französischen Sprachraum bieten zu können, haben allerdings bislang einen kaum merklichen Anstieg des Publikumszuspruchs zur Folge gehabt. Bei der jüngsten Bilanz des Senders vermeldete Peter Boudgoust, Intendant des SWR und Arte-Präsident, der Marktanteil in Deutschland habe auf 1,1 Prozent gesteigert werden können – also um 0,1 Prozent.

Die Programmlücke von ARD und ZDF besetzen

Die Gründe dafür sind sicher vielschichtig, mögen aber unter anderem darin liegen, dass sich Arte letztlich eben nicht genügend unterscheidet. Dem will die Straßburger Anstalt mit noch mehr Dokumentarfilmen entgegenwirken und damit eine Lücke besetzen, die beim Programm von ARD und ZDF immer wieder moniert wird. Ein eher zufälliger Blick in das Nachmittagsprogramm zeigt, dass dieses „Bügelfernsehen“ nicht so seicht sein muss wie bei ARD und ZDF mit den Telenovelas à la „Rote Rosen“. Tatsächlich bietet Arte am Nachmittag schon jetzt oft Beiträge, die unter dem Rubrum „Dokumentation“ laufen. Konkret heißt das jedoch: Tier- und Reisereportagen.

So erzählt Richard Attenborough in der Reihe „Kurioses aus der Tierwelt“, warum die Eier des Kiwi so groß und die Babys der Pandabären so klein sind – Kinder und Tiere gehen bekanntlich immer, und das gilt erst recht für Tierkinder. Immerhin sind die kurzen Filme lehrreich. Eine weitere Reihe unter dem Titel „Stadt Land Kunst“ zeigt regelmäßig Filme, die sich kaum verschleiert als Werbestreifen der Tourismusindustrie erweisen. Die Sendereihe heißt auf Französisch „Invitation au voyage“, also ehrlicher: Einladung zur Reise.

Wenn am heutigen Montag etwa die Geschichte von „Clochemerle“ erzählt wird, so erfahren die Zuschauer vor allem, wie farbenprächtig die Weinberge des Beaujolais im Spätsommer aussehen. Danach wird noch kräftig Reklame für den Beaujolais Primeur gemacht – ein dank intensiver Vermarktung erfolgreiches Produkt. Der dran anschließende Bericht über Lahore schwelgt in Kunst und Architektur der pakistanischen Metropole, ohne auch nur einmal einen Bettler zu zeigen oder das Wort Islamismus zu erwähnen (trotz diverser schwerer Anschläge in der jüngeren Vergangenheit).

Ab und zu ein Blick auf das muslimisch geprägte Leben

Arte hat sich jüngst der Kritik erwehren müssen, der Sender habe antisemitischen Tendenzen Vorschub geleistet und sei pro-arabisch eingestellt. Dabei bringt man lobenswerterweise auch Beiträge, die einen genaueren Blick auf das Leben muslimisch geprägter Gesellschaften werfen. Der Film „Unbekanntes Arabien“ am heutigen Montag gehört allerdings nur bedingt dazu. Autorin Sabine Howe hat sich im Westen des Reiches der Saudis auf der arabischen Halbinsel umgeschaut und vor allem einige Besonderheiten in und um die Hafenstadt Dschidda entdeckt.

Howe legt in ihrer von Sandra Maischberger produzierten Arbeit viel Wert auf die langsam sich entwickelnde Emanzipation der arabischen Frauen und bedient dabei ein im Westen beliebtes Narrativ über den Mittleren Osten – zumal ihre Protagonistinnen eine halbwüchsige Ballett-Elevin und eine junge Unternehmerin sind, die einen mobilen Hundepflegedienst anbietet. Die Frau namens Huda hat inzwischen vier Männer angestellt, erfährt man, und dass sie Single sei: Aber da hätte die Autorin auch weiter fragen dürfen, nach dem Dasein alleinstehender Frauen im diktatorisch regierten Reich der Scheichs. Immerhin berichtet Howe, Theater, Konzerte und Festivals seien verboten. Die Rolle des Wahabitismus kommt sonst kaum vor, obwohl die Regisseurin einen Mann bei seiner Pilgerfahrt nach Mekka begleiten und vor der Kaaba filmen darf. Da ist der Neuigkeitswert eher bescheiden.

Man kann die Verbesserungen für die Frauen als optimistisch stimmendes Zeichen deuten, aber Howes Beispiele taugen kaum für Verallgemeinerungen. So bleiben vom Film das Malerische der bekränzten „Blumenmänner“ im Asir-Gebirge, denen es gelungen ist, einen Teil ihrer Traditionen zu bewahren, und die Architektur der Altstadt von Dschidda, die, so ist zu erfahren, von „Gastarbeitern“ restauriert wird...

Bei dieser eher willkürlichen Auswahl entpuppt sich das Nachmittagsprogramm des deutsch-französischen Senders zwar als nicht als ganz so eskapistisch wie die Konkurrenz von ARD und ZDF, aber auch hier gilt Nina Hagens Bonmot aus dem Song „Ich glotz TV“: „Ich kann mich gar nicht entscheiden, ist alles so schön bunt hier!“

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