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Arte-Film "Jedes Jahr im Juni" Ostmänner sind bessere Liebhaber

Datschen, Westpakete un der Zwangsumtausch. Im Gewand einer Liebesgeschichte erzählt „Jedes Jahr im Juni“ vom Alltag in der DDR. Der Sieg der DDR-Fußballer über die BRD-Mannschaft während der Weltmeisterschaft 1974 ist natürlich im Skript. 

Katharina Wackernagel spielt die Elke in dem Arte-Film "Jedes Jahr im Juni". Foto: dpa

Wäre doch diese erste Begegnung nur ein bisschen dezenter ausgefallen. Im Juni 1971 reist Elke Richter (Katharina Wackernagel) in die DDR, um die Familie ihres Mannes zu besuchen. Der verweigert den Besuch der „Ostzone“, vertritt aber zugleich die Ansicht, es sei unchristlich, den Kontakt zum Bruder abzubrechen. Seine bauernschlaue Lösung: Er schickt die Gattin. Und gibt ihr reichlich Westgüter mit auf den Weg. Während Schwager Helmut (Matthias Walter) den fehlenden Schwimmer für die WC-Spülung reklamiert, schüttelt Gregor (Peter Schneider), ein Freund der Familie, der bei der Renovierung hilft, den Kopf: „Ein paar Blumen hätten‘s doch auch getan, oder?“

Zuvor waren sich Elke und Gregor im Garten begegnet. Gregor steigt von der Leiter, um Elke zu begrüßen, und ihr Blick saugt sich förmlich an ihm fest. Es wurde noch kaum ein Wort gewechselt, aber die Gefühle sind schon mächtig entflammt. Dieser jungenhafte Ostbursche irritiert sie gewaltig – er trocknet unaufgefordert das Geschirr ab und duzt sie frech, worauf sie aber doch ein wenig patzig reagiert. Bevor er aufbrechen muss, gesteht er noch schnell, dass er sie wiedersehen möchte. Später wird ein Zettel unter ihrer Tür durchgeschoben: „Nächstes Jahr im Juni. G.“ Sie erstrahlt, atmet tief und noch ein bisschen tiefer. Fast muss man fürchten, ihr platze gleich der Kopf. Inszenatorische Finesse sieht anders aus.

Schmalfilm-Ästhetik

Ein Jahr geht ins Land, Familienszenen in Schmalfilm-Ästhetik machen den Zeitsprung deutlich. Dieses Mal kommt Elke schon mit dem Mercedes statt mit der Bahn. Abends geht es ins Ballett. In der Pause passt Gregor sie ab. Sie betreiben Konversation, Mienenspiel und Körpersprache verraten, dass sie einander begehren, aber die gesellschaftliche Konvention – beide sind verheiratet und haben Kinder – lässt sie zögern. Im zweiten Akt stiehlt sie sich aus der Aufführung, er hat auf sie gewartet, und es kommt wortlos zum ersten Kuss, gefolgt vom Tête-à-tête in seiner Datsche. „Du riechst nach Westen“, schmeichelt er, „wie zu Weihnachten, wenn die Westpakete kommen.“ Sie bringt sich für den Beischlaf in Position, liegt steif auf der Matratze. „Was machst du denn da?“, will er wissen. Sie: „Ich warte, dass du mich nimmst.“ Gregor aber hat andere Vorstellungen von Sexualität. In seinen Armen erlebt sie ihren ersten Orgasmus. Ostmänner haben bayerisch-katholischen Ehemännern diesbezüglich offenbar einiges voraus.

Anderntags wird Elke von Zweifeln und Gewissensbissen geplagt – und macht sich doch auf zu einem zweiten Besuch in der Datsche. Es wird nicht der letzte sein. Das Wochenendhäuschen wird zum intimen Liebesnest der beiden. Zumindest einmal im Jahr, immer im Juni, wenn Elke in die DDR reist. Im Habitus der beiden Liebenden und in ihren Gesprächen zeigen sich die zwischenzeitlichen Veränderungen. Tischler Gregor macht sich selbstständig, träumt vom Kapitalismus und von Kanada. Elke zieht sich bald frecher an, wenn sie Gregor besucht, und sie durchläuft einen Emanzipationsprozess. Folgt sie anfangs noch brav ihrem Ehemann, der ihr die Aufnahme eines Studiums verbietet, wird sie mit der Zeit freier. Sie ergreift einen Beruf, engagiert sich in der Politik, bei den Grünen, und nimmt sich, oho, sogar einen weiteren Liebhaber. Was Gregor sehr empört. Das mache ihre Beziehung beliebig, schimpft er und rennt erst mal davon.

Lähmende Faktoren

Die Drehbuchautorin Silke Zertz und Regisseur Marcus O. Rosenmüller versuchen, über ihre beiden Protagonisten – alle anderen Figuren bleiben Staffage – die gesellschaftlichen Entwicklungen in den beiden deutschen Staaten zu erzählen. Die Bürgerrechtsbewegung in der DDR vermittelt sich über Gregors Sohn, der gegen die Autoritäten aufbegehrt, womit er auch seinen Vater in Schwierigkeiten bringt. Im Westen kriselt derweil die Wirtschaft, Elkes Ehemann wird arbeitslos. Den größten Einschnitt bringt der Mauerfall. Ein erstes Rendezvous auf westdeutschem Boden, aber auch das vermeintliche Ende der Liaison: Gregor will seinen alten Traum verwirklichen und mit seiner Frau nach Kanada auswandern. Doch dort wird er nicht glücklich, nach wenigen Jahren kehrt er allein zurück. In Berlin erfährt er, dass sein bester Freund Frank ein Stasi-Spitzel war und stellt ihn zur Rede. Wie sich zeigt, waren die Begegnungen mit Elke nicht unbemerkt geblieben. Immerhin ist es Frank zu verdanken, dass die Liebesgeschichte kein böses Ende nahm. Elke und Gregor treffen sich noch mal, auf der Suche nach Spuren der Vergangenheit, aber die Datsche ist abgerissen. Als sie sich trennen, erneuern sie ihre alte Verabredung: nächstes Jahr im Juni.

Es wäre also von einer großen Leidenschaft zu erzählen gewesen, unwiderstehlich und so hingebungsvoll ausgelebt, dass die Beteiligten sogar erhebliche Risiken in Kauf nehmen. Doch die Amour fou ist als Konstrukt erkennbar und wirkt in der inszenatorischen Umsetzung obendrein wie ausgestellt, jedenfalls nicht tief empfunden. Auch erweist sich der aufgesetzte Bezug zur Zeitgeschichte als lähmender Faktor. Das Konzept, episodisch und in großen Zeitsprüngen zu erzählen, zwingt dazu, eine Fülle an Ereignissen in wenigen Szenen zu verdichten. Weil sich die Autorin auf das Liebespaar konzentriert, kann dies nur über Dialoge geschehen, die deshalb stellenweise sehr papieren geraten. Diese Ballung der Inhalte nähert sich sogar der unfreiwilligen Komik, so wenn Elkes ungewollte Schwangerschaft ausgerechnet mit dem Fußballspiel DDR gegen die BRD zusammenfällt.

Schon von der Anlage her hat der Film folglich gar keine Chance auf eine glaubwürdige dynamische Entwicklung, sondern zeigt sich als sprödes Gefüge von Drehbuchideen, die auf allzu bemühte Weise in eine Liebesgeschichte mit schmonzettenhaften Zügen gekleidet wurden.

 

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