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ARD-Tragikomödie „Sturköpfe“ Ziemlich beste Freunde

Widerspenstige unter sich: Alwara Höfels und Peter Haber sind eine wunderbare Kombination für die gegenseitige Zähmung zweier Dickschädel.

04.12.2015 12:57
Tilmann P. Gangloff
Sissi (Alwara Höfels) hat es geschafft: der erblindete Olssen (Peter Haber, Mitte) lässt sich von seinem Sohn (Sönke Möhring, re.) durch die Produktionshalle seines Unternehmens führen. Foto: ARD Degeto/Hendrik Heiden

Im Grunde ist der Titel „Sturköpfe“ eine Inhaltsangabe: Pia Strietmann erzählt in ihrem ersten Fernsehfilm nach dem Kinodebüt „Tage, die bleiben“ (2011) die Geschichte zweier Widerspenstiger, die sich gegenseitig zähmen. Die personelle Konstellation, aus der Autorin Dominique Lorenz die Funken dieser Konfrontation schlägt, ist zwar nicht neu, funktioniert jedoch nicht zuletzt dank der beiden Hauptdarsteller wunderbar: Theo Olsson (Peter Haber), Stahlfabrikant mit schwedischen Wurzeln, ist kürzlich erblindet und seither verbittert und zynisch.

Großartig verändert hat er sich aber offenbar nicht. „Er war schon immer ein Arschloch“, sagt sein Sohn Jens (Sönke Möhring), den der Vater stets spüren lässt, dass er ihn für einen Versager hält; „jetzt ist er ein blindes Arschloch.“ Damit ist der Tonfall dieses Films perfekt wiedergegeben: Mitunter geht es in dieser Komödie, die eigentlich ein Drama ist, ziemlich kernig zu.

Das liegt auch an Olssons Kontrahentin, die sich umgehend für jede Beleidigung des Alten revanchiert: Kindergärtnerin Sissi (Alwara Höfels) hat sich zur Blindenbetreuerin umschulen lassen, ist allerdings durch die Prüfung gerasselt. Ihr Lehrer (Stefan Merki) hat jedoch ihr großes Potenzial erkannt. Deshalb ist Olsson ihr Bewährungsfall. Wenn sie es schafft, mit ihm klarzukommen, erhält sie ihr Diplom. Der Unternehmer ist zwar eine harte Nuss, aber auch Sissi kann austeilen, und so entsteht im Lauf der Zeit eine Art Hassliebe, von der nicht nur der Alte, sondern auch die Junge profitiert: weil Sissi endlich lernt, auf eigenen Beinen zu stehen.

Buch und Regie haben erfolgreich der Versuchung widerstanden, die Geschichte dieser widerwilligen Vertrauensfindung auch noch um eine Romanze zu ergänzen: Sissi ist zwar recht angetan von der Liebenswürdigkeit des Sohnes, doch der findet sie nur sympathisch, mehr nicht. Das ist zwar schade, aber aus dramaturgischer Sicht konsequent, denn „Sturköpfe“ will anders als die in der Grundformation ganz ähnliche (und ebenfalls im Auftrag der ARD-Tochter Degeto produzierte) romantische Komödie „Der Kotzbrocken“ gerade keine Liebesgeschichte erzählen. Hier geht es in erster Linie um das verzögert stattfindende Erwachsenwerden einer Frau; und natürlich um die gleichfalls schon oft dargebotene Läuterung eines alten Grantlers.

Der Schwede Peter Haber, bekannt und geschätzt nicht nur als Kommissar Beck, sondern auch als niederländischer Kommissar Bruno van Leeuwen in Matti Geschonnecks ZDF-Montagskrimis „Eine Frau verschwindet“ und „Totenengel“, spielt diesen bösen alten Mann, der ein traumwandlerisch sicheres Gespür für die Schwachstellen seiner Mitmenschen hat, ohne eine Miene zu verziehen. Ein einziges Mal im Verlauf des Lernprozesses gönnt er Olsson die Andeutung eines Lächelns. Zum Glück verzichtet Regisseurin Strietmann darauf, diese demonstrative Hartherzigkeit auszuhöhlen: Abgesehen von einer Szene, in der Sissi den Alten ungerührt gegen eine Wand laufen lässt, gibt es keine Scherze auf Kosten des Blinden.

Witzig ist „Sturköpfe“ trotzdem, weil die beiden Streithähne keine Gelegenheit auslassen, sich gegenseitig zu provozieren, dabei legt auch Alwara Höfels ihre Rolle nicht komisch an. Sie versieht die Reha-Trainerin mit jener Natürlichkeit, die so typisch für ihre Darstellungsweise ist, und muss sich daher in einigen Szenen von Johanna Gastdorf die Show stehlen lassen: Die Kollegin spielt Sissis Mutter, die hinsichtlich Kleidungsstil, bonbonbunter Einrichtung und Männerverschleiß in ihren Teenager-Jahren stecken geblieben ist und daher einen eher lebensuntüchtigen Eindruck macht. Auch für diese Ebene finden Buch und Regie eine glaubwürdige Auflösung, die auf jeden Zuckerguss verzichtet und trotzdem ein gutes Gefühl hinterlässt.

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