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ARD Sherlock kommt nach Hause

Die Spezialausgabe von "Sherlock" ist noch ironischer und selbstreferentieller als die vorherigen Folgen.

Ein Special der BBC-Reihe "Sherlock" führt Sherlock Holmes (Benedict Cumberbatch, re.) und Dr. Watson (Martin Freeman) in das Jahr 1895. Foto: ARD Degeto/BBC/Hartswood Films 2

Den beunruhigend hohen Erwartungen, die die viktorianische Spezialausgabe der Serie „Sherlock“ begleiten – auf Deutsch am Ostermontag in der ARD –, kommen die Drehbuchautoren Steven Moffat und Mark Gattis nach, indem sie noch selbstironischer und -referenzieller vorgehen als sonst. Der schillernde Gruselspaß, der sich daraus ergibt, lässt nichts aus. Die bizarre Kennenlernszene zwischen Sherlock Holmes (Benedict Cumberbatch) und John Watson (Martin Freeman), die 2010 zum raschen Ruhm der sonst im modernen London spielenden Reihe beitrug, wird jetzt noch einmal kostümiert im Schnelldurchgang durchschritten. Watson kommt diesmal traumatisiert aus dem Zweiten Afghanistan-Krieg und trägt nachher Schnauzbart. Sherlock ist Sherlock.

Der Kriminalfall widmet sich einer gruselig wiedergängerischen Braut, welche etliche Männer ermordet, obwohl sie selbst nachweislich tot ist (Zwillinge? – Sherlock: „es sind nie Zwillinge“) und im Leichenschauhaus liegt. Hier arbeitet Molly Hooper (Louise Brealey) als Mann verkleidet, um als Akademikerin im Jahr 1895 Unterschlupf zu finden.

Die Vermutung, „Die Braut des Grauens“ sei ein Vergnügen in lustiger Verkleidung und guter alter Zeit (Schneeflocken zur Weihnachtszeit!), stimmt zwar, aber das ist nur der Ausgangspunkt. Von hier aus wird es hinreißend verwirrend. In der Gegenwart hat Sherlock gute Gründe, ein wenig zu träumen. Zwischendurch wacht er auf. Eventuell. Gegenwarts-Sherlock wittert, dass er just in der Stimmung sein könnte, den gut hundert Jahre alten Fall der „Braut des Grauens“ zu lösen, will also unbedingt weiterträumen. 1895-Sherlock träumt seinerseits von einer Zeit, in der es extrem innovative Mittel der Fortbewegung gibt und überhaupt Dinge zwischen Himmel und Erde („Ich war in einem Jet“), die sich Watson eher nicht träumen lässt. Sherlock ist zu allen Zeiten drogenabhängig (Sherlock: „Drogenkonsument“), und wie es noch immer in Literatur und Film war, erweitern die Spritzen nicht das Bewusstsein des Detektivs, aber den kreativen Spielraum der Autoren und des Regisseurs, Douglas MacKinnon.

Wenn Sherlock tatsächlich träumt – und alles andere ist logisch ausgeschlossen –, dann ist es besonders fein, dass er sich seinen genialen Bruder als schwer adipöses Monster vorstellt. Mycroft arbeitet daran, demnächst zu platzen.

Wie die Figuren sich virtuos zwischen den Zeiten bewegen – statt mit elektronischen Nachrichten jongliert Sherlock mit Zeitungsausschnitten –, so hängen sie auch zwischen Realität und Fiktion. Sie alle lesen ja Watsons Geschichten, erkennen sich darin wieder oder auch nicht. Mrs. Hudson beklagt sich darüber, dass sie so wenig Text hat und immer nur Tee kocht. Um sodann wieder Tee zu kochen, weil sie offenbar nichts anderes kann, weil sie, o Wonne des postdramatischen Erzählens, eben nichts ist als eine Kriminebenfigur. Wenn Sherlock von Watson gedrängt wird, über sein Innenleben zu sprechen, dann zitiert er versehentlich Watson. Figuren, die kein Mensch kennt, fragen, wieso sie in seinen Erzählungen nicht vorkommen. Dr. Watson selbst lässt sich den Schnauzbart bloß wachsen, damit man ihn endlich als Dr. Watson erkennt.

Wird der „Braut des Grauens“-Fall gelöst? Durchaus, aber da kommen Sie nie drauf. Hat Moriarty Auftritte? Und wie.

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