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Antisemitismus-Doku in der ARD Der Hass auf Juden in Europa

Nach aufgeregter Debatte zeigt die ARD doch den Film „Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa“.

Auserwählt und ausgegrenzt - Der Hass auf Juden in Europa
Eine Szene aus dem Film zeigt eine gegen den Staat Israel gerichtete Demonstration in Berlin. Foto: WDR

Im Land meiner Eltern“ heißt ein Film von Janine Meerapfel aus dem Jahre 1981. Die argentinisch-deutsche Regisseurin, heute Präsidentin der Akademie der Künste in Berlin, schildert darin Erfahrungen von in Deutschland lebenden Juden eine Generation nach dem Ende der Hitler-Diktatur. So zeigt sie den Campingplatz im südbadischen Sulzburg, der nur über den angrenzenden jüdischen Friedhof zugänglich ist und dessen Gäste nichts dabei finden, sich in Nachbarschaft von Gräbern zu sonnen. Und ein junger Mann in Berlin sagt, er habe sich eigentlich nicht als Jude gefühlt, bis er dazu gemacht worden sei.

Diese Art von Unschuld scheint heute kaum mehr möglich, da vor allem dank der sozialen Medien die Zugehörigkeit zu Herkunft, Klassen oder Religion täglich öffentlich verhandelt wird. Die Zuweisung und damit einhergehende (Ab-)Qualifizierung als Anderer, Fremder, nicht Zugehöriger ist skandalöse Praxis. Dass sie nach wie vor auch Menschen jüdischen Glaubens in einem Land trifft, das davon überzeugt ist, seine Vergangenheit aufgearbeitet zu haben, macht ein Film zum Thema, der vor allem dadurch Aufsehen erregt hat, dass er kaum zu sehen war.

„Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa“ heißt die Arbeit von Sophie Hafner und Joachim Schröder, und sie verfolgt erkennbar eine einzige Absicht: zu zeigen, dass Antisemitismus so virulent wie zugleich verdrängt ist, auch in Kreisen, die bei diesem Thema als unverdächtig gelten. Die Haltung der Autoren, ihre Aussagen, bisweilen polemisch zugespitzt, haben die Verantwortlichen beim deutsch-französischen Sender Arte bewogen, den Film nicht zu zeigen – obwohl er, eine Koproduktion mit dem WDR, dort abgesegnet worden war.

Die Weigerung von Arte-Programmdirektor Alain Le Diberder sorgte selbstverständlich rasch für Empörung. Le Diberder argumentierte, die abgelieferte Fassung entspreche nicht dem Exposé, so sollte der Film antisemitische Tendenzen quer durch Europa nachspüren, stattdessen habe er sich auf den Nahen Osten kapriziert. Das stimmt, allerdings hatte ihn Sabine Rollberg, verantwortliche Redakteurin im WDR, fünf Monate zuvor (!) trotzdem abgenommen.

Was die Affäre verschärfte, war dann, dass der WDR sich dem Arte-Votum anschloss und verlauten ließ, der Film genüge den Ansprüchen an Qualität nicht – ein übles Nachtreten gegen die erfahrene Redakteurin (die einst selber Arte-Chefin war), mit der die Leitung des Hauses offenbar nicht einmal gesprochen hatte. Immerhin hat sich der Sender nun doch entschlossen, den Film zu zeigen, samt einer anschließenden Diskussion bei Sandra Maischberger.

Zuschauer begegnet polemischen Verkürzungen

Was ist zu sehen? Palästinenserpräsident Mahmud Abbas etwa, der vor dem EU-Parlament israelische Rabbiner als Brunnenvergifter denunziert, die seine Landsleute töten wollten. Das kommentieren die Autoren mit dem Hinweis, Parlamentspräsident Martin Schulz habe Abbas’ Rede „inspirierend“ gefunden. Auch diese Passage?

Dieser Art von polemischer Verkürzung begegnet der Zuschauer häufiger. Aber natürlich hat der Film insgesamt Recht. Antisemitismus findet sich in unterschiedlichsten Formen und Ausprägungen, bei unterschiedlichsten Gruppen und Individuen. So wird der rechtsextreme Jürgen Elsässer gezeigt, der seine Neonazi-Gefolgschaft dazu aufruft, sich zu wehren „sowohl gegen die Islamisierung wie die Israelisierung und vor allem gegen die Amerikanisierung“.

Gezeigt werden vor allem Vertreter von Randgruppen, aber auch einige junge Leute, die gemäß den rechten Glaubenssätzen wiederholen, was man angeblich in Deutschland nicht sagen darf: Israel mache etwas falsch, „oder man ist sofort Antisemit“. Dass so ein Satz von einer jungen Frau kommt, ist bedenklich genug. Bedenklicher noch, was womöglich mit all dem Geld angestellt wird, das aus westlichen Quellen zu Gruppen fließt, die unter dem Etikett von Hilfsorganisationen eine Politik gegen Israel betreiben – ohne dass die „Basis“ eine Ahnung hat, was da genau geschieht, wie eine betagte Helferin der Organisation EAPPI (Ecumencial Accompaniment Programme for Palestine and Israel) offenbart. Dass ein „ranghoher Mitarbeiter“ einer Partnerorganisation von „Brot für die Welt“ gar den Holocaust geleugnet hat, wird vom Journalisten Tuvia Tenenbaum berichtet – es fehlt allerdings der inzwischen auch zu lesende Hinweis, dass der B'Tselem-Mitarbeiter eben deswegen gefeuert wurde.

Bei der faktenreichen, mit vielen Zahlen, vor allem den Summen der Hilfsprogramme, gespickten Darstellung nimmt das Autorenpaar dann auch einen verhältnismäßig bequemen Weg, um seine These zu untermauern: nach Gaza. Wenn sich hier, im von der terroristisch orientierten Hamas beherrschten Landstreifen am Mittelmeer, kein Antisemitismus finden lässt, wo dann? Der Versuch, den in westlichen Medien „sprudelnden Assoziationen von Gefängnis, Konzentrationslager, Wassermangel und Kindermord“ etwas entgegenzusetzen, spricht allerdings bisweilen nur von „Verdacht“ und ist getragen von verkürzten Darstellungen und kühnen Behauptungen wie der: Dass nur ein Bruchteil der knapp 1,4 Milliarden von der UNRWA bei der Bevölkerung ankomme, „das haben wir in einem der Flüchtlingsviertel gesehen“.

So wird der Beleg für den zweifellos grassierenden Antisemitismus ausgerechnet bei den erklärten Feinden Israels gesucht. Stärker sind die Beispiele etwa aus Frankreich, wo Juden sich zu Recht verfolgt fühlen und wieder beginnen, das Land zu verlassen – das Land ihrer Eltern. So bleibt bei aller verknappten Darstellung doch das Verdienst des Films, auf die Aktualität des Skandalons hingewiesen zu haben.

Janine Meerapfel glaubte 1981, für die Deutschen würden die nächsten Juden die Türken sein. Sie irrte. Die nächsten Juden sind die Muslime. Und immer noch: die Juden.

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