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Anne Will Zum Umverteiler geadelt

Vierzig amerikanische Milliardäre verschenken fröhlich ihr Geld. Bei Anne Will sitzen deutsche Talkgäste und streiten darüber, ob das okay ist.

Bei Anne Will ging es um Millionen-Spender und den Staat. Foto: Screenshot

„Die spinnen die Deutschen!“ Hätte es der US-Journalistin Heather De Lisle nicht so offen im Gesicht gestanden, sie hätte diesen Satz aussprechen müssen. Da verschenken rund 40 amerikanische Milliardäre fröhlich ihr Geld und bei Anne Will sitzen deutsche Talkgäste (und eine amerikanische...) und streiten darüber, ob das okay ist.

Für De Lisle ist klar, dass sich niemand schämen muss, für sein hart erarbeitetes Geld (so, wie es die Deutschen immer täten) – andererseits, ist es aber eigentlich auch wurscht, ob das Geld, das Warren Buffett und Co auf der hohen Kante haben hart erarbeitet ist oder nicht, denn: „Es ist doch ganz egal, wie er sein Geld verdient!“

Das sieht mancher in der Runde anders – vor allem aber sind die Meinungen zum Thema Spenden und Steuern dann doch differenzierter, als jene von Frau De Lisle, die wegen der hohen deutschen Steuern am liebsten in die Tschechische Republik auswandern würde, Spenden aber super findet, weil sie selbst schon mal hungrig in einer Suppenküche stand.

Der Knackpunkt der Willschen Sonntagsrunde lag dann aber doch nicht (nur) in der Frage, ob die hiesige Debatte über spendende Superreiche letztlich bloß ein kulturelles Missverständnis zwischen freiheitsliebenden Amis und sozialstaatlich verhätschelten Deutschen ist. Vielmehr ging es darum, was eigentlich Aufgabe des Staates ist und ob sehr-viel-Besserverdienende diese Aufgabe selbst übernehmen dürfen/können/sollten/müssten.

Der hauptberufliche Talkshow-Gast Klaus Kocks wetterte so gewohnt ausgiebig gegen reiche Gönner, die ihr Geld „nach reinem Gusto“ und „aus Eitelkeit“ verteilen, dass sein Sitznachbar Ernst Prost (seines Zeichens Chef des Motoröl-Herstellers Liqui Moly) ihn kurz vor Schluss der Sendung dann doch noch ins Wort fahren musste: „Wie kommen Sie dazu, jeden Menschen, der mildtätig agiert, einen moralischen Saubeutel zu nennen?“

Nein, das war in der Tat nicht nett. Schließlich saßen allerlei mildtätig agierende Menschen in der Runde – einschließlich Prost selbst. Und der präsentierte sich überhaupt nicht als Saubeutel. Stattdessen setzte er sich so eifrig für eine Erhöhung von Spitzensteuersatz und Abgeltungssteuer, gegen Subventionen und für die Vermögenssteuer ein, dass der Linke Millionär Diether Dehm ihn anerkennend einen „Umverteiler“ nannte und Anne Will verwirrt fragte, warum er eingangs den Staat als schlechten Wirtschafter bezeichnet habe.

Unternehmer Arnd Oetker (Marmelade, nicht Backpulver!) sah die Dinge ein wenig anders und sich selbst als ausreichend besteuert an. Und trotz ermutigender Worte von Anne Will („Herr Oetker sagt uns jetzt mal was zur Vermögenssteuer – da versteht er was von, er hat ja Vermögen!“), mochte er der Vermögenssteuer dann doch nicht so viel abzugewinnen, wie die anderen Millionäre in der Runde. Die betrachtete er denn auch leicht zurückgelehnt und den Kopf wiegend, als hielte er es doch im Geiste eher mit den spendenden Amis und Heather De Lisle: „Die spinnen die Deutschen...“

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Anne Will

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