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Anne Will über Flüchtlinge Sie kann es besser

Die wichtigste Talkshow der Woche ist nach den Jahren mit Günther Jauch endlich wieder in guten Händen. Doch Anne Will zeigt in ihrer ersten Sendung weniger, als sie kann. Lag es an den Gästen?

Anne Will (Mitte) mit Gästen. Foto: ARD Mediathek

Sie hatte kaum eine Wahl, als auch noch einmal wie schon viele vor ihr das Flüchtlingsthema aufzurufen. Aber man hat inzwischen, seit der fatalen Silvesternacht von Köln, auch den Eindruck, es sei schon alles gesagt über die komplexen Probleme angesichts des anhaltenden Zuzugs von Flüchtlingen. Als sei die Ratlosigkeit der deutschen Gesellschaft ausführlich und hinreichend beschrieben, der Weg da hinaus aber noch reichlich nebulös. Als drehe sich die Debatte im Kreis.

Immerhin beginnt die Sendung schon mit einer interessanten Zuspitzung: Den milden Worten der Kanzlerin in ihrer Neujahrsansprache, die am Silvesterabend just zu jener Stunde ausgestrahlt werden, als sich in Köln die ersten Täter zusammenrotten, gegengeschnitten mit den beängstigenden Bildern der Nacht. Doch der Versuch von Anne Will, einen direkten Zusammenhang, eine direkte Verantwortung Angela Merkels für diese Ereignisse herzustellen, misslingt. Nicht einmal Stefan Aust, provokanter Chefredakteur der „Welt“-Gruppe, lässt sich auf die Rolle ein, diese bis in die CDU/CSU hinein populäre Schuldzuweisung zu übernehmen.

Er landet schließlich bei dem eher hilflosen Begriff einer „Teilverantwortung“ Merkels für die Lage, nun ja. Aust erweist sich dann auch als der schwächste der Gäste, der über eine Stunde wenig mehr beizutragen weiß, als immer wieder auf das Problem der hohen Flüchtlingszahlen zu verweisen – mit zum Teil kruden Vergleichen. Es seien so viele junge ausländische Männer nach Deutschland gekommen, wie einst Bundeswehr und NVA unter Waffen gehabt hätten – welche Assoziationen soll das wecken?

Wirres Durcheinanderreden

Da haben Kanzleramtschef Peter Altmaier als Verteidiger der Regierungspolitik, die Sozialdemokratin Gesine Schwan als wortgewandte politische Kritikerin derselben und der muslimische Autor Ahmad Mansour als kundigster kritischer Diskutant mehr beizutragen. Allerdings vermag Anne Will es nicht so recht, die Runde zu Erkenntnissen für den Zuschauer zu führen. Oft lösen sich lange Monologe Altmaiers mit wirrem Durcheinanderreden ab, das die Moderatorin dann mit erhobener Stimme im Stil einer Erzieherin zu beherrschen sucht: „Moment mal, ich würde gern Ordnung reinbringen, wir halten jetzt mal kurz Ruhe!“

Am Ende bleibt es bei vielfach formulierten Positionen: Altmaier bekräftigt den Kurs der Regierung, die Zahlen zu senken, der auch erste Erfolge zeitige, es kämen ja bereits weniger. Das stimme gar nicht widerspricht Aust und präsentiert andere Zahlen als der Minister. Welche stimmen? Anne Will weiß dazu nichts zu sagen. Außerdem bedürfe es einer europäischen Lösung, sagt Altmaier. Stimmt, sagt Schwan, aber die europäische Solidarität, die Deutschland jetzt einfordere, habe sie zehn Jahre lang in der Währungskrise den südlichen EU-Ländern verweigert. Das bekomme sie jetzt zu spüren. Die deutsche Politik habe die Gefahr von Parallelgesellschaften und den Einfluss von Islamisten auf orientierungslose junge Männer lange unterschätzt und tue dies immer noch, sagt Mansour. Die Integration sei eine Generationenaufgabe. Stimmt, sagt Altmaier, und erste spätere Generationen würden urteilen könne, ob die Regierung jetzt alles richtig mache. Das ist freilich für die heute mit den Problemen konfrontierte Generation keine sehr hilfreiche Perspektive.

Anne Will zeigt an diesem ersten Abend auf dem prominenten Sendeplatz nicht ihr ganzes Können. Gewiss, sie ist präsent, sie interveniert, sie ist auf der Höhe der Debatte, anders als zu oft ihr Vorgänger Jauch, der sie einst von diesem Platz mit den höchsten Einschaltquoten verdrängt hat. Aber sie vermag es nicht, auch mal einen Schritt zurückzutreten, die Diskussion zu ordnen, ein Resümee zu ziehen. Dabei sind sie und ihre Redaktion der eigentlichen Herausforderung ausgewichen. So unappetitlich sie auch sein mögen, man wird Diskussionen über dieses Thema nicht mehr ohne Politiker der AfD führen können, die in ihrer radikalen Kritik der Flüchtlingspolitik einen nicht unerheblichen Bevölkerungsteil repräsentieren. Dann wird es erst richtig ungemütlich werden in dem lichten Studio mit den eleganten grauen Ledersesseln.     

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