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„Anne Will“, ARD Talkshow ohne Diskussion

Bei Anne Will wird klar: Es ist längst nicht alles geklärt auf dem Weg zu einer großen Koalition. In der Sendung kommt allerdings keine richtige Debatte auf.

Anne Will
Peter Altmaier (CDU), SPD-Vorsitzende Martin Schulz, Anne Will, FDP-Chef Christian Lindner und die stellvertretenden Leiterin des „Spiegel“-Hauptstadtbüros, Christiane Hoffmann. Foto: dpa

Gerade haben die Tatort-Kommissare Schenk und Ballauf in Köln ermittelt. Nicht weit entfernt - in Bonn nämlich - spielte sich schon am Nachmittag ein Polit-Krimi ab. Auf dem SPD-Parteitag entschieden die Delegierten sich für Koalitionsverhandlungen mit der Union. 56 Prozent stimmten für die Aufnahme der Gespräche. Darüber diskutiert Anne Will nach dem Tatort und sechswöchiger Winterpause. Gäste sind eben der SPD-Vorsitzende Martin Schulz, dann FDP-Chef Christian Lindner, Peter Altmaier (CDU) und die stellvertretenden Leiterin des „Spiegel“-Hauptstadtbüros, Christiane Hoffmann.

Natürlich ist das Thema vorhersehbar - ein anderes wäre an diesem Abend jedoch auch nicht denkbar. Schon der Einspieler zeigt, wie sehr die SPD mit sich gerungen hat. Schulz spricht bei Anne Will von einem „historischen Tag“. Er bestätigt, dass die „Last auf der Parteiführung sehr groß war“. Natürlich war sie das, bei einer negativen Abstimmung wären Schulz und sein Präsidium kaum zu halten gewesen. 

Es dauert bis die Sendung Fahrt aufnimmt, die Gäste reden nicht miteinander, sondern beantworten Wills Fragen. Und auch sie bricht Themenkomplexe ab, bevor sie in die Tiefe gehen könnten. Aber irgendwann wird es dann doch ein wenig inhaltlich: An drei Stellen des Sondierungspapiers hat Schulz Nachbesserungen versprochen: Die Abschaffung der sachgrundlosen Befristung, eine Härtefallregelung beim Familiennachzug und das Ende der Zwei-Klassen-Medizin. 

Linder wirkt Fehl am Platz

Und schon in der Sendung wird deutlich, dass längst nicht alles geklärt ist auf dem Weg zu einer großen Koalition. Das macht Schulz zu Recht immer wieder deutlich: „Es waren Sondierungsgespräche, dabei geht es darum herauszufinden, ob es Sinn ergibt, über eine Koalition zu verhandeln.“ Stimmt, aber Schulz hat keine Wahl und Angela Merkel auch nicht. Man gewinnt den Eindruck, dass es schon irgendwie klappen wird. Lindner hat zu diesem Zeitpunkt übrigens seit mindestens 15 Minuten nichts mehr gesagt. Er durfte nur eingangs noch einmal seinen Abbruch rechtfertigen, er wirkt Fehl am Platz. Hoffmann bringt sich ab und zu ins Gespräch ein. Und Will moderiert gewohnt souverän.

Altmaier und Schulz versuchen in der Sendung, sich in gute Positionen für Koalitionsverhandlungen zu bringen. Schulz: „Wir gehen gestärkt aus dem Parteitag hervor.“ Und Altmaier: „Die Kanzlerin war nicht nervös.“ So richtig überzeugen, kann keiner der beiden. Das wird deutlich bei Hoffmanns Beobachtungen des Parteitages: „Ich war schon erstaunt, wie stark die Nein-Stimmung war.“

Einen großartigen Moment gibt es in der Sendung noch: Lindner und Schulz diskutieren lebhaft über die Mietpreise in Nordrhein-Westfalen - wirklich sympathisch scheinen sie einander nicht zu sein. Dann will sich Altmaier auch noch einschalten. Man merkt, dass alle drei wichtige Dinge zu sagen haben. Nur zu verstehen, ist nichts mehr. Will unterbricht die Diskussion, leider aber auch den ganzen Themenblock. 

Am Ende bleibt, dass es „harte Koalitionsverhandlungen“ werden, wie Schulz sagt. Viel mehr Erkenntnisse kann der Zuschauer allerdings nicht aus der Sendung mitnehmen. Es fühlt sich, als sei über viele Themen gesprochen worden: Europa, Familiennachzug, die Stimmung in der Bevölkerung oder die Sehnsucht nach neuem politischen Personal. Richtig ausdiskutiert wurde nichts - es gab sozusagen von allem etwas. 

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