Lade Inhalte...

„Anne Will“, ARD Es geht ums Prinzip

Anlässlich seines 200. Geburtstags wollte Anne Will über Karl Marx und den Kapitalismus diskutieren. Heraus kamen wenig überraschende Gedanken zu sozialer Ungleichheit.

Anne Will
Moderatorin Anne Will. Foto: NDR/Wolfgang Borrs

Was im letzten Jahr Martin Luther war, ist in diesem Jahr Karl Marx: anlässlich seines 200. Geburtstags am vergangenen Samstag überall präsent, in Zeitungstexten, Dokumentationen – und auch in den politischen Talkshows. Wie sozial ist der Kapitalismus heute, fragte Anne Will demnach am Sonntagabend in ihrer Talkshow. Ist er trotz sozialer Marktwirtschaft an seine Grenzen gestoßen?

Die Steilvorlage, die diese Fragen bieten, nahmen die Gäste dankend an. So ging es nur zu Beginn kurz um Karl Marx, seine Arbeiten und die jüngst in Trier enthüllte und höchst umstrittene Statue. Schnell ging die Runde dazu über, das (bereits vielfach und meist ähnlich diskutierte) Für und Wider des Kapitalismus zu diskutieren – in einer Art und Weise, die stark an eingeübte Wahlkampf-Debatten erinnerte.

„Wir sehen, dass bestimmte Dinge eine falsche Entwicklung haben“, sagte etwa Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) und nannte das Stichwort Globalisierung. „Da muss man was tun, damit alle gut zurechtkommen können.“ Der Brexit, die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten und die vielen rechtspopulistischen Parteien in Europa seien „Reaktionen auf einen großen globalen Trend. Wir müssen versuchen, politische Programme zu entwickeln, damit man trotzdem gut und sicher leben kann.“ Konkreter wurde er in der ganzen Sendung nicht, mit Ausnahme des Ziels, dass jeder 2000 Euro verdienen solle, wenn er Vollzeit arbeite. Durchaus fragwürdig, aber immerhin.

Reinhard Kardinal Marx kritisierte immer wieder, dass seit den 90er Jahren immer nur gefragt werde, wie wir uns den Entwicklungen anpassen, nicht aber wie wir sie gestalten könnten. Marktwirtschaft könne nur funktionieren, wenn sie eingeordnet sei. „Wenn wir Chancen für alle wollen, dann müssen wir politische Rahmenbedingungen schaffen.“

Für Sahra Wagenknecht war das das Startsignal für ihr Plädoyer als linke Oppositionspolitikerin: Dass die Globalisierung oder die Digitalisierung Schuld seien an den Ungleichheiten, das seien übliche Ausreden. „Der Niedriglohnsektor in Deutschland ist kein Produkt der Globalisierung, sondern“ – und der geneigte Zuschauer hatte es schon geahnt – „der Agenda 2010.“

Georg Kofler, Unternehmer und der Vierte im Bunde, wusste seine Rolle ebenfalls zu bedienen. Ohne groß auf das vor ihm Gesagte einzugehen, brach er eine Lanze für das Unternehmertum. Die Globalisierung sei nicht nur eine Bedrohung, die deutsche Wirtschaft sei zum Beispiel ein großer Gewinner. Der Existenz eines auf Kapitalverwertungsinteressen basierenden Systems widersprach er vehement: „Es gibt kein System, es gibt Unternehmer und das sind Menschen.“ Menschen hätten Träume und Ideen. „Manche wollen früher aufstehen als andere, sind fleißiger als andere und die sollten die Chancen haben, sich zu verwirklichen.“ Beim Unternehmertum käme es auf den Mut an; diese Risikobereitschaft sei die Quelle des Unternehmertums, „nicht die Kapitalverwertungsinteressen“.

Bei Debatten um soziale Ungleichheit dürfen natürlich auch die Themen befristete Beschäftigung und Leiharbeit nicht fehlen – bei Anne Will am Sonntagabend eingeleitet mit zwei aktuellen und vieldiskutierten Beispielen: die Überwachung der Mitarbeiter bei Amazon und die Ankündigung der Deutschen Post, Entfristungen unter anderem von der Anzahl der Krankheitstage und der Unfälle abhängig machen zu wollen. Auch hier wurden vor allem altbekannte Sätze zum Besten gegeben. „Ich bin davon überzeugt, dass befristete Beschäftigung zurückgedrängt werden muss“, sagte etwa Olaf Scholz. Wirtschaft brauche Flexibilität, um dynamisch zu bleiben, verteidigte Georg Kofler die Unternehmer. Kardinal Marx forderte erneut eine Rahmenordnung und Sahra Wagenknecht nutzte noch einmal die Gelegenheit, um auf Hartz IV einzudreschen.

Auch auf die Frage nach der Digitalisierung, die Anne Will kurz vor Schluss pflichtgemäß stellte, gab es erwartbare Antworten. Unternehmer Kofler warnte vor einer zu frühen Regulierung neuer Technologien, das nehme der Innovation die Dynamik. Kardinal Marx kritisierte noch einmal, dass nur gefragt werde, wie man sich an die neue Entwicklung anpassen, nicht aber wie man sie mitgestalten könnte. Sahra Wagenknecht fragte, wer den Gewinn bekomme – die ganze Gesellschaft oder die Unternehmen – und erinnerte zum Schluss noch einmal daran, dass man Kinder nicht mehr in marode Schulen mit zu wenig Lehrkräften schicken dürfe, wenn klar sei, dass durch die Digitalisierung einfache Jobs wegfielen.

„Dem Applaus entnehme ich, dass sich an dieser Stelle alle einig sind“, schloss Anne Will die Diskussion und gab leicht verspätet ab an die Tagesthemen. Glücklicherweise, wird sich mancher Zuschauer gedacht haben – denn interessante oder überraschende Ansätze hätte es in dieser Debatte vermutlich eher nicht mehr gegeben.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen