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„Am Puls Deutschlands“ im ZDF Was die Deutschen stört

Das ZDF nimmt die Wahlen zum Anlass, kritische Wortmeldungen einzuholen. Die meisten sind begründet und durchdacht. Aber es gibt auch Menschen, die sich im Irrtum wohlig eingerichtet haben.

Am Puls Deutschlands
Beate Knepel und ihre Tochter Sandra erzählen Jochen Breyer, warum sie den Politikern und den "alten" Medien kaum noch vertrauen. Foto: Bewegte Zeiten/ZDF

Eine Revolution würde länger dauern, sagt der gemütliche Bodenseewirt Hubert Neidhart, ist sich aber nicht sicher, ob sein Gespräch mit dem ZDF-Reporter Jochen Breyer die gleiche Wirkung haben wird.

Neidhart ist einer von vielen Tausenden, die dem Aufruf des ZDF gefolgt sind und die Frage beantwortet haben, was sie an Deutschland störe. Für eine 45-minütige Reportage ist Breyer durch die Republik gereist, um mit einigen Teilnehmerinnen und Teilnehmern persönlich zu sprechen. Ein „Hineinhören“ in die Gesellschaft nennt Breyer sein Vorhaben, zugegebenermaßen nicht repräsentativ.

Breyer und seinen Koautoren Stefan Ebling und Tim Gorbauch ist es trotz dieser Einschränkung gelungen, typische Stimmungslagen und Meinungen einzufangen. Viele der aufgezeigten, zumeist sachlich angesprochenen Probleme lassen sich täglich beobachten.

In Wiesbaden macht Breyer Station bei einer vierköpfigen Familie, die keinen angemessenen bezahlbaren Wohnraum findet, obwohl beide Eltern berufstätig sind und recht gut verdienen.

Selbst die von der städtischen Wohnbaugesellschaft GWW errichteten Wohnungen sind nicht erschwinglich. Der Wiesbadener Sozialdezernent Christoph Manjura (SPD), der auch dem Aufsichtsrat der GWW vorsitzt, verweist im Interview auf die aktuelle bauwirtschaftliche Kostensituation.

In einer thematisch gebundenen Reportage hätte jetzt eine Aufschlüsselung und Analyse dieser ökonomischen Problematik folgen müssen. Aber Breyer verfolgt erklärtermaßen ein anderes Ziel: Diejenigen zu Wort kommen zu lassen, die sich von der Politik missachtet fühlen und, wie die 62-jährige Rentnerin Beate Knepel aus Gramzow in der Uckermark, den publizistischen Medien nicht mehr trauen.

Opfer der „Filterblase“ 

Sie bezieht ihr Weltbild von Facebook und ist ein typisches Opfer des Phänomens der sogenannten „Filterblase“. Sie zeigt dem Reporter ihre Nachrichtenquelle, mit abenteuerlichen Schlagzeilen wie „Vergewaltigungen von Frauen vor der Legalisierung“. Beate Knepel räumt ein, dass nicht alle Meldungen der Wahrheit entsprechen müssen. Aber: „Irgendwo müssen die Leute das herhaben, die das hier rauf stellen.“

Bezeichenderweise hatte Frau Knepel selbst nie eine negative Erfahrung mit Heimatvertriebenen des 21. Jahrhunderts. Das nächste Flüchtlingsquartier ist fünfzehn Kilometer entfernt. Ein nicht unwichtiger Aspekt, dass sie die wechselseitigen Bestätigungen bei Facebook als ein positives Erlebnis wahrnimmt.

Dieses Sujet wird vom Team zu Recht vertieft. Gezeigt wird ein Experiment der Technischen Universität München, die zehn Nutzerprofile mit unterschiedlichen politischen Ausrichtungen anlegt und täglich 15 Minuten lang die üblichen Freundschaftsanfragen und „Gefällt mir“-Angaben erledigt. Das Ergebnis: Das AfD-/Pegida-Profil erhält die meiste Resonanz.

Wie kaum anders zu erwarten, laufen die Äußerungen, Verknüpfungen und verdrehten oder gefälschten Meldungen auf das Schüren von Ausländerfeindlichkeit hinaus. Die entsprechende Klientel wird von anderen Meinungen nicht mehr erreicht, ist vom Diskurs ausgeschlossen, sofern sie ihn nicht ohnehin von vornherein verweigert.

Gerade diese Passage beweist die Notwendigkeit einer kontinuierlichen sachlichen Informationsleistung auf angemessenem Niveau, gerade auch zu den einfachsten, nur vermeintlich allbekannten Vorgängen in unserer Gesellschaft. Fernsehkritiker bedenken derartige Programmbeiträge gern mit dem Einwand, das Gezeigte sei doch längst bekannt. Eine rein egozentrische Warte, die außer Acht lässt, dass die Nachrichtenelite gar nicht zur Zielgruppe gehört.

Schlecht bezahlte Pfleger 

Natürlich weiß der informierte Zeitgenosse um die Probleme im Pflege- und Gesundheitssystem. Aber die Wahrnehmung verändert sich, wenn der Notstand ein Gesicht erhält. Auch Pflegekraft Ronny hatte sich an der ZDF-Umfrage beteiligt. Er verdient magere 1.600 Euro für seine zehrende Arbeit. Aber er vertritt gar nicht die eigene Sache, sondern wünscht sich auf die Frage des Reporters wie aus der Pistole geschossen „mehr Personal. Es wäre mehr Zeit für die Leute da.“

Zu den von Ronny betreuten Senioren gehört eine gewitzte Hundertjährige, die über ihren Pfleger sagt: „Das ist einer von denen, der sich umbringt für uns alle. Er rennt immer rum.“ Und sie spricht unverblümt und pointiert ein weiteres Problem an: Die niedrige Bezahlung im Pflegesektor schreckt den Nachwuchs ab.

Altersarmut und die Nöte des Mittelstands werden in der Reportage ebenfalls angesprochen. Das Ergebnis ist eine kursorische Bestandsaufnahme, kann auch gar nichts Anderes sein. Aber eine zupackende Art und die Konkretisierung kuranter Fehlentwicklungen machen die Sendung sehenswert. Sie ist nebenbei nicht die einzige Bemühung des ZDF, ein Bild der aktuellen deutschen Gesellschaft zu vermitteln. Samstags um 18:00 Uhr zeigt der Mainzer Sender seit dem 5. August die neunteilige Reportagereihe „Mein Land, Dein Land“, die manche der hier angesprochenen Sujets vertieft und erweitert.

 

 

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