Lade Inhalte...

„Am Anfang war das Wir“, Arte Alles alternativlos?

In der vierteiligen Filmerzählung „Am Anfang war das Wir“ beschäftigt sich Tim Lambert mit den Menschen schlechthin und ihrer Geschichte.

Markt-Szene
So könnte das Leben auf einem Markt in der Stadt Ur in Mesopotamien ausgesehen haben. (Nachgestellte Szene) Foto: ARTE / L. Reda / Wall to Wall Media

Es geht immer um den Menschen schlechthin, also nicht einmal um die Engländer oder die, nun, die unbekannten prähistorischen Menschen, die vor über 10.000 Jahren im Vorderen Orient oder in Mesoamerika oder im Indus-Tal lebten und in deren Hinterlassenschaften Anthropologen und Archäologen ihre Forschungsarbeiten betreiben. Insofern sind diese allgemeinen Aussagen über den Menschen schlechthin und seine Geschichte, zu denen Tim Lambert in seiner vierteiligen Filmerzählung (Arte verwendet dafür den in diesem Fall etwas abwegigen Gattungsbegriff „Dokumentation“) gelangt, in ihrer Verallgemeinerung nicht unproblematisch.

Hübsch ist immerhin, was da an verschiedenen Forschungs-Ansätzen und Ergebnissen von verschiedenen Kontinenten zusammengetragen wird. Und vielleicht fällt dem Einen oder Anderen auf, dass Europa auf dieser prähistorischen Weltkarte noch gar keine Rolle spielt.  In unserer Gegend hockten, als am Indus schon komplexe Städte gebaut wurden, noch kleine Horden von Jägern und Sammlern vor der Höhle um ein Lagerfeuer.

Wenn man die in dem Film vertretenen Thesen ernst nimmt, ergibt sich ungefähr folgende Kausalkette: Aus der Erfindung der Landwirtschaft (die Teil der so genannten neolithischen Revolution ist) erwächst zwangsläufig der Schritt zu verdichteten Siedlungsformen, also Dörfern und später auch Städten; daraus ergibt sich weiterhin zwangsläufig die schlechte Angewohnheit, Nachbarn zu bedrohen und zu überfallen, also der Krieg als zwischenmenschliche Umgangsform. Schließlich entsteht aus dem Zusammenspiel der Mächte der Natur und des neurologisch gegebenen menschlichen Bedürfnisses nach Spiritualität die Existenz von Religionen und Kulten. Und somit die Entstehung von kultischen und religiösen Bauwerken – und Abgrenzungen, was wiederum neue Gründe für kriegerische Auseinandersetzungen zu liefern scheint. Schließlich aber entsteht auch der Handel, der nach Lamberts Vorstellung eine im Kern friedliche zwischenmenschliche Umgangsweise ist, zumindest, solange zwischen den Menschen das Vertrauen herrscht, dass sie nicht von den Anderen übers Ohr gehauen werden.

Mit anderen Worten: pazifistisch und konsumkritisch eingestellte Landbewohner mit atheistischem Weltbild haben in der Menschheitsgeschichte bisher wenig zu suchen gehabt.

Das mag ja sein.

Was an dem Film unangenehm aufstößt, ist die Idee, dass aus den Handlungsweisen nicht übermäßig kluger prähistorischer Gestalten, die in der Erde buddeln, Steine aufeinander schichten, Blutopfer bringen und Speere auf andere Menschen werfen, sich der ganze Schlamassel, in dem wir heute stecken, zwangsläufig ergeben haben soll. War das alles wirklich alternativlos? Und war der Handel mit Gebrauchswerten, den im Film eine junge und etwas begriffsstutzige Wirtschaftswissenschaftlerin vollmundig mit der Kategorie „Vertrauen“ verbindet, wirklich immer eine friedliche Angelegenheit? Gerade die englische Geschichte, die Handel gern mit massiver militärischer Begleitung zu verbinden wusste, weist da durchaus auf etwas Anderes hin.

Wer also ist dieses Wir, das Tim Lamberts Filmreihe postuliert?

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen