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„Als das Gewissen geprüft wurde“, ARD „Der Staat hat sie nicht mehr alle“

In seinem ARD-Dokumentarfilm „Als das Gewissen geprüft wurde“ beleuchtet Knut Weinrich die Geschichte der Kriegsdienstverweigerung in Deutschland und berichtet von den Methoden der „Gewissensprüfung“ .

Als das Gewissen geprüft wurde, ARD
Gruppenbild mit Zivis. Foto: Rainer Steffens/NDR

Selbstverständlich habe ich verweigert. Nach drei Monaten Grundausbildung, in denen mir klar wurde, wie undemokratisch dieser Verein von „Staatsbürgern in Uniform“ war, welche Lügengeschichten man uns erzählte, etwa über „Vorwärtsverteidigung“, also Krieg an der Demarkationslinie, oder über Schutz vor atomarem Fallout durch Plastikdecken von einem halben Quadratmeter Größe. Und natürlich lehrten sie uns Foltern, die heute als „Waterboarding“ bekannte Methode.

Selbstverständlich wurde ich nicht anerkannt. Wer nach dem Eintritt in den Wehrdienst verweigerte, war sowieso ein Drückeberger in den Augen der Militärs und derer, die darüber zu befinden hatten, ob der Kriegsdienst aus „Gewissensgründen“ verweigert wurde. Denn das waren Juristen im Dienste des Verteidigungsministeriums: der Richter also als Partei, quasi Gegner des Angeklagten. Dieses Konstrukt sollte sicherstellen, dass genug junge Männer zur Bundeswehr eingezogen werden konnten. Tausende mussten also zum Militär, obwohl sie nicht wollten. Dabei war Kriegsdienstverweigerung im Grundgesetz festgeschrieben – doch die Praxis der Kreiswehrersatzämter höhlte das Grundrecht aus.

Die Bundesrepublik brauchte Soldaten

Knut Weinrich erzählt in seinem Dokumentarfilm „Als das Gewissen geprüft wurde“ die Geschichte der Kriegsdienstverweigerung in Deutschland nach, von Franz Josef Strauß’ berühmtem Satz, die Hand solle dem „verdorren“, der noch eine Waffe in die Hand nehme, über die Wiederbewaffnung Mitte der Fünfziger, die Friedensbewegung hüben und drüben bis zum Ende der Wehrpflicht 2011. Dabei geht der Autor historisch vor und hält sich an eine Handvoll Protagonisten, dabei auch ein Totalverweigerer und dessen Anwalt sowie ein ehemaliger DDR-Bürger.

In den Sechzigern, als die Teens und Twens die Bilder vom Vietnamkrieg sahen und von der Verstrickung ihrer Väter in den Nationalsozialismus erfuhren, stellten immer mehr den Antrag auf Befreiung vom Wehrdienst. Doch die Bundesrepublik brauchte Soldaten. Es herrschte der Kalte Krieg. Und so wurden die Verweigerer schikaniert, mit so aberwitzigen wie juristisch unzulässigen Fragen („Was machen Sie, wenn ein Russe Ihre Mutter bedroht, und Sie haben eine Waffe dabei?“). Wer den Kriegsdienst verweigerte, war Opposition. Davon hätte Weinrich mehr berichten können. Zu kurz kommt die Bedeutung für die Entstehung nicht nur der Friedens-, sondern auch der Umweltbewegung. Die Erfahrung, vom Staat getäuscht worden zu sein, ließ in vielen Zwanzigjährigen ein tiefes Misstrauen wachsen. „Der Staat hat sie nicht mehr alle“ war eine Losung von Totalverweigerern wie Klaus Prietzel. Er sah auch den Zivildienst als Gelegenheit für den Staat an, Kosten im sozialen Bereich zu sparen. Zu Recht. Weshalb Verweigerer länger als Soldaten ihren Dienst leisten mussten – obwohl gesetzlich die gleiche Dauer vorgeschrieben war.

Aber Weinrich erwähnt das nicht; er gewichtet überhaupt bisweilen seltsam. So werden häufig Szenen mit Waffen gezeigt, doch die Schrecken des Mordens spart der Film aus. Und die Erinnerungen der Zeitzeugen werden mit (allzu) langen Passagen der Rückkehr an die Orte ihrer Entscheidungen bebildert. Andererseits spart der Autor aus, dass auch anderswo in den sechziger Jahren junge Männer Gefängnis riskierten, so verweigerten in den USA etwa Brian Wilson, Chef der Popband Beach Boys, und Weltmeister Muhammed Ali den Dienst an der Waffe. Erst unter Kanzler Helmut Kohl wurde, auch unter dem Einfluss der Friedensbewegung, die Gewissensprüfung abgeschafft.

Die Aussetzung – nicht Abschaffung – der Wehrpflicht 2011 war vor allem der Erkenntnis der Militärs geschuldet, dass es keiner Massenarmee mehr bedürfe in heutigen Kriegen. Mit einer Berufsarmee aber, darauf weist Prietzels Anwalt Günter Werner hin, lasse sich, anders als mit Wehrpflichtigen, überall auf der Welt Krieg führen.

Die Gewissensprüfung ist übrigens gar nicht abgeschafft. Wer sich heute freiwillig meldet, und dann doch verweigern will, muss eine harte Befragung über sich ergehen lassen. Dabei hatte Bruno Grundert, einst selbst Vorsitzender eines Prüfungsausschusses, festgehalten: „Das Gewissen kann man nicht prüfen.“

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