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„Ad Vitam“, arte Die dunkle Seite der Unsterblichkeit

Thomas Cailleys futuristische Krimi-Miniserie über eine Gesellschaft, die nicht altert, ist inhaltlich mutig, stilistisch meisterlich und konzeptuell bahnbrechend.

Ad Vitam
Darius hat Christa (Garance Marillier) aus dem Gefängnis geholt. Foto: arte

Der Begriff „High Concept“ wird im Fernsehbereich oft abfällig verwendet, für Serien und Filme, die außer einer griffigen Grundprämisse nicht viel zu bieten haben: Ein Ritter auf Rollschuhen, Cowboys gegen Aliens, solche Ware. Dabei beschrieb „high concept“ ursprünglich mal eine grundlegende Kunst des Geschichtenerzählens: Eine starke, kreative und vor allem originelle Ausgangssituation. Im Serienbereich hat man zwar viel Zeit, um komplexe Welten und Zeiten zu erzählen, muss den Zuschauer aber auch möglichst ab der ersten Minute mit einer klaren Ansage fesseln. Und das haben „Breaking Bad“ und „Mad Men“, aber auch europäische Vorreiter wie „Berlin Babylon“, „Les revenants“ oder „Utopia“ gemeinsam: Sie haben eine einfach zu erklärende Grund-Idee, die sofort eine ganze Welt aufschließt.

„Ad Vitam“ reiht sich durchaus in diese illustren Beispiele ein. Thomas Cailley, dessen Debütfilm „Les Combattants“ („Liebe auf den ersten Schlag“) 2014 sowohl in Cannes als auch bei den Césars ordentlich abräumte, hatte eine wirklich abseitige, aber trotzdem griffige Grundidee: Eine Krimiserie in einer Gesellschaft, in der niemand mehr altert. In der nahen Zukunft können die Menschen durch „Regenerations“-Behandlungen ihren Tod praktisch endlos aufschieben, die älteste Frau der Welt feiert gerade ihren 169. Geburtstag und sieht keinen Tag älter als 40 aus. Das sind die ersten Bilder der Serie, und alle weiteren Konflikte und Komplikationen ergeben sich aus dieser Grundidee.

Für das Drehbuch holte sich Cailley den serienerfahrenen Autor Sébastien Mounier mit ins Boot, und gemeinsam bauen sie eine ganze Welt um diesen Anfang herum. Da gibt es zum Beispiel eine neue Machtstruktur der über-100jährigen, die radikale Geburtenkontrollen einführen, um einer Überbevölkerung vorzubeugen und um die Unsterblichkeit mit nicht allzu vielen „neuen“ Menschen teilen zu müssen. Und da ist eine rebellische Jugendbewegung, die sich auflehnt in der radikalsten denkbaren Art und Weise: durch Selbstmord.

Dass in dieser Welt eine Noir-Geschichte um den Polizisten Darius, der die „minderjährige“ Christa rekrutiert, um einen solchen „terroristischen“ Selbstmord-Ring zu unterwandern und auszuheben, so gut funktioniert, ist nicht selbstverständlich. Schließlich könnte so eine Geschichte reichlich abseitig, lebensfremd und abstrakt wirken. Aber da sind zum einen die Schauspieler: Yvan Attal legt eine Meisterleistung hin als 110jährige Detektiv, der manchmal selbst etwas lebensmüde wirkt. Die Unsterblichkeit der nahen Zukunft erscheint aus seiner Perspektive keineswegs als klinisch saubere Utopie, sondern als erschöpfende Prozedur in schmutzigen Hinterzimmern – wie eine nerviger Zahnarzt-Termin, den man schonmal absichtlich verpennt. Und auch Garance Marillier bleibt nie in der großäugigen Unschuld stecken, die ihre Figur haben könnte – als Christa den totgeglaubten Anführer der Selbstmord-Rebellion zu erkennen glaubt, wird sie mehr zum Raubtier auf frischer Fährte als ihr Detektivkollege es jemals sein könnte.

Neben der inhaltlichen und schauspielerischen Vielschichtigkeit ist es aber vor allem der filmische Stil, der verhindert, dass „ad vitam“ in seiner verkopften Prämisse ertrinkt. Der legendäre Kamermann Yves Cape, der schon stilbildende und preisgekrönte Filme für Bruno Dumont, Patrice Chéreau, Claire Denis und Leos Carax gedreht hat, erdet die sehr abstrakte Prämisse in dunklen, schmutzigen Neon-Noir-Bildern, irgendwo zwischen „Blade Runner“ und „Drive“.

Es bliebt natürlich trotzdem ein gewagtes Experiment. Denn es gibt natürlich eine Kehrseite der griffigen „high concept“-Ideen: Wer mit dem Grundkonzept nichts anfangen kann, der kommt meist nie in die Geschichte rein. Aber Thomas Cailley hat seine Prämisse so tief durchdacht und für die Umsetzung so talentierte Mitstreiter gefunden, dass „Ad vitam“ sogar dann fesselnd und faszinierend ist, wenn man noch kein Fan von futuristischen Dystopien oder SciFi-Noirs ist.

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