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„Acht Türken, ein Grieche, eine Polizistin“ Gesicht geben, Gesicht zeigen

Die ARD-Reportage „Acht Türken, ein Grieche und eine Polizistin“ weckt nicht nur Anteilnahme mit den Opfern der rechten Mordanschläge und ihren Angehörigen, sondern gerät zwangsläufig zu einer Anklage der deutschen Ermittler.

13.12.2011 07:10
Torsten Wahl
In Rostock gedenken Demonstranten der Opfer rechter Gewalt (25.11.2011). Foto: dpa

Zu Beginn der Dreharbeiten verbirgt Semiya Simsek noch ihr Gesicht vor der Kamera. Ihr Vater war das erste Opfer der rechtsradikalen Mörder. Zu stark sind ihre Ängste und ihr Misstrauen, auch gegenüber den deutschen Medien.

Diese ARD-Reportage dürfte einiges dazu beigetragen haben, dass die junge Frau schließlich doch ihr Gesicht zeigt und auf einem Gedenkmarsch ihr neues Selbstbewusstsein demonstriert. „Acht Türken, ein Grieche und eine Polizistin“ weckte nicht nur Anteilnahme mit den Opfern und ihren Angehörigen, sondern geriet zwangsläufig zu einer Anklage der deutschen Ermittler.

Den Opfern ein Gesicht geben, das war die erklärte Absicht der drei Reporter Matthias Deiß, Eva Müller und Anne Kathrin Thüringer. Die Familienporträts zeigen zunächst, wie durch die Todesschüsse die Hoffnungen vom sozialen Aufstieg brutal zerstört wurden. Mit dem Tod des Familienvaters starb auch meist der Traum vom eigenen Laden.

Zugleich aber führt die ARD-Reportage vor, wie sehr die verhängnisvolle Methode der Ermittler, mit unbelegten Mutmaßungen an die Öffentlichkeit zu gehen, die Zukunft der Angehörigen zusätzlich belastete. Ob Drogenhandel, Schutzgelderpressung oder Blutrache – das Repertoire der falschen Verdächtigungen war groß. Interviews mit engen Freunden der getöteten Thüringer Polizisten Michele Kiesewetter legen den Schluss nahe, dass diese Kette von Fehlleistungen sogar noch bis zuletzt fortgesetzt wurde: So wurden der jungen Polizistin Kontakte zu Rechtsradikalen unterstellt.

Mitunter erliegt der engagierte ARD-Report zwar nicht der Versuchung, sich moralisch über andere zu erheben, etwa bei der Kritik am „Solidaritätstourismus“ von Politikern. Doch hatte sich die ARD etwa schon vor dem Selbstmord der Täter für die Opfer interessiert?

Eindringlicher wirkt der Report, wenn er nüchtern-sachlich konstatiert. So fiel erst den ARD-Reportern und nicht etwa Ermittlern auf, dass das fünfte Mordopfer, erschossen 2004 in Rostock, gar nicht Yunus Turgut war. Im ostanatolischen Bergdorf liegt dessen Bruder Mehmet begraben. Die Brüder hatten ihre Pässe getauscht. Die Familie erfährt erst vom ARD-Team, welchen Tätern ihr Sohn zum Opfer gefallen war. Auf die versprochene Anteilnahme wartet sie bis heute.

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