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„4 Könige“, Arte Wer ist hier verrückt?

Das Drama „4 Könige“ ist ein herausragend gut gespielter Anti-Weihnachtsfilm mit Jella Haase über vier Jugendliche, die die Feiertage in der Psychiatrie verbringen.

Vier Könige
Die vier Könige (Jella Haase, Paula Beer, Moritz Leu und Jannis Niewöhner) in einem Boot. Foto: ZDF/Sandra Müller

Es liegt auf der Hand, warum das Fernsehen im Sommer keine Weihnachtsfilme zeigt; selbst Schnee wird nach Möglichkeit vermieden. „4 Könige“ ist die Ausnahme von der Regel, und das, obwohl der Titel eine Anspielung auf die Heiligen Drei Könige ist und die Handlung zielstrebig auf Heiligabend zuläuft. Das Drama hat sogar besinnliche Momente; aber wenn überhaupt, dann ist es ein Anti-Weihnachtsfilm.

Das Regiedebüt von Theresa von Eltz, die das Drehbuch gemeinsam mit Esther Bernstorff („Meine Schwestern“) geschrieben hat, handelt von vier Jugendlichen, die kurz vor Weihnachten in einer psychiatrischen Einrichtung landen. Die Gründe werden nachgereicht. Allein bei Alex (Paula Beer) sind sie dank eines kurzen Prologs offenkundig: Das Mädchen ist zwischen ihren getrennt lebenden Eltern hin und hergerissen, die klammernde Mutter erleidet einen Nervenzusammenbruch, als Alex die Weihnachtstage beim Vater verbringen will. Der hyperaggressive Timo (Jannis Niewöhner) ist auf Betreiben des für die Jugendlichen zuständigen Psychiaters (Clemens Schick) aus der „Geschlossenen“ herübergekommen. Und dann ist da noch der in sich gekehrte Fedja (Moritz Leu), ein gebürtiger Georgier, der sich entwurzelt fühlt und von seinen Mitschülern gequält worden ist. Das Ausmaß seiner erlittenen Torturen offenbart sich unter der Dusche: Sein Rücken ist mit Blutergüssen übersät.

Hauptfigur des Films ist jedoch die redselige und ihre Umwelt gern sarkastisch provozierende Lara, und wer Jella Haase nur als kulleräugigen Glitzerproll Chantal aus „Fack ju Göthe“ kennt, wird überrascht sein, was für eine talentierte Schauspielerin die junge Frau ist. Im Gegensatz zu Fedja und Alex, die nach einem absichtlich herbeigeführten Unfall im Gesicht schwer gezeichnet ist, weist Lara keinerlei sichtbare Verletzungen auf; ihre mutmaßlichen seelischen Wunden verbirgt sie hinter aufgekratzt guter Laune. Tatsächlich wird der Film bis zum Schluss nicht verraten, warum das Mädchen hier ist. Andererseits ist der vorweihnachtliche Pflichtbesuch ihrer Eltern Erklärung genug; die kurze Szene genügt Victoria Trauttmansdorff völlig, um das Bild einer Mutter zu entwerfen, vor der man womöglich sogar in die Psychiatrie flüchten würde.

Durch die episodische Erzählweise wirkt „4 Könige“ zunächst recht unstrukturiert; erst spät zeigt sich, dass die beiden Autorinnen sehr wohl eine bestimmte Dramaturgie verfolgen, selbst wenn ihr Drehbuch Ereignis an Ereignis reiht. Einige sind tragisch, zum Beispiel ein Sturz Fedjas: Als Timo Besuch von seinem Vater bekommt, erschreckt sich Fedja dermaßen vor der geballten Wut des Jungen, dass er aus einem Fenster springt. Andere sind liebevoll: Lara wird nach der Begegnung mit ihren Eltern von einer Panikattacke überfallen; Alex, die das von ihrer Mutter kennt, kümmert sich rührend um sie.

Darüber hinaus bescheren Bernstorff und von Eltz den jungen Darstellern viele Szenen, in denen sie als Ensemble gefragt sind, was dank der klugen Zusammensetzung der Gruppe vorzüglich funktioniert. „4 Könige“ ist ohnehin ein Schauspielerfilm; in den vielen langen Einstellungen kann sich das Quartett ganz wunderbar entfalten. Überraschend ist dabei jedoch allenfalls, wie gut die vier miteinander harmonieren: Die 2010 durch „Poll“ bekannt gewordene Paula Beer ist für „Frantz“ in Venedig als Beste Nachwuchsdarstellerin ausgezeichnet worden, Jannis Niewöhner, ebenfalls mit Nachwuchspreisen bedacht, hat viel Erfahrung in diversen Kinder- und Jugendfilmen gesammelt. Jella Haase, unter anderem mit dem Günter-Strack-Nachwuchspreis geehrt, hat schon einige Male gezeigt, dass sie weitaus mehr drauf hat als bloß das pausbäckige Opfer von Lehrer Zeki Müller („Chantal, heul leise!“).

Ähnlich gut sind die Nebenrollen der „Erwachsenen“ besetzt, allen voran mit Clemens Schick als Jugendpsychiater, der seinen Patienten zugewandt ist und sie an der langen Leine lässt. Deshalb gerät er regelmäßig mit einer sturen Schwester aneinander, die den traditionalistischen Weg verkörpert; ein Konflikt, den viele engagierte Lehrer und Sozialpädagogen täglich erleben. Anneke Kim Sarnau ist Schick eine würdige Gegenspielerin, zumal diese kleine Rolle für die Dramaturgie eminent wichtig ist: Schwester Simone sorgt dafür, dass die Dinge am Weihnachtsabend eskalieren. „4 Könige“ ist eine Kinokoproduktion des Kleinen Fernsehspiels vom ZDF mit Arte. In den Kinos ist der mit dem Prädikat „besonders wertvoll“ ausgezeichnete Film mit gut 30.000 Zuschauern allerdings völlig zu Unrecht kaum wahrgenommen worden.

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