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„37 Grad: Was ich kann, will keiner wissen“ 50 plus und arbeitslos

Die Reportage „37 Grad: Was ich kann, will keiner wissen“ beschreibt, wie zwei Arbeitslose jenseits der 50 neue Perspektiven suchen. Der Film bietet Denkanstöße und Lebenshilfe.

37 Grad, Was ich kann, will keiner wissen
Wie geht´s weiter? Corinna macht sich Gedanken. Foto: Manuel Fenn/ZDF

50 plus und arbeitslos: Jeder weiß, was das bedeutet. Die Aussichten, jemals wieder im erlernten Beruf einen Job zu finden, sind alles andere als rosig. Für seine Reportage „Was ich kann, will keiner wissen“ hat Manuel Fenn zwei Betroffene ab dem Moment der Kündigung ein Jahr lang begleitet. Im Unterschied zu vielen anderen Beiträgen der ZDF-Reihe „37 Grad“ lässt er dabei vor allem seine Protagonisten zu Wort kommen. Während die Autoren sonst gern so tun, als könnten sie den Menschen in Kopf und Herz schauen, beschränkt sich Fenn auf kurze Informationen; den Rest dürfen Hans-Christoph und Corinna selbst erzählen.

Er ist zu Beginn des Films 56, wirkt aber älter, sie ist 52 und wirkt jünger, was jeweils mit einem typischen Charaktermerkmal zu tun hat: Hans-Christoph räumt offen ein, dass er sich nicht gut verkaufen kann; Selbstvermarktung, eine wichtige Voraussetzung für die erfolgreiche Arbeitssuche, sei „nicht sein Ding“. Corinna dagegen tritt selbstbewusst auf, sie strahlt Energie und Zuversicht aus. Beide waren in leitenden Positionen. Fenn besucht Hans-Christoph am letzten Arbeitstag und lässt dabei auch seine Chefin zu Wort kommen, die erläutert, warum das Unternehmen betriebsbedingte Kündigungen aussprechen musste.

Während der Film auch dank des Gesprächs mit einer Arbeitsvermittlerin diverse Hintergrundinformationen über den Arbeitsmarkt bietet, lässt er ausgerechnet bei seinen Protagonisten irritierende Leerstellen. Bei Corinna ist es das Privatleben. Der Beziehungsstatus ist zwar im Zusammenhang mit ihrer Arbeitssuche nicht weiter wichtig, aber „37 Grad“ verfolgt ja stets einen ganzheitlichen Ansatz; die vorgestellten Personen werden nie nur auf ein Merkmal oder einen Zustand wie etwa eine Krankheit reduziert.

Bei Hans-Christoph lernt man immerhin seine Lebensgefährtin kennen. Sie bekommt Hartz IV, für das Paar steht entsprechend viel auf dem Spiel: Findet er keine Arbeit, werden sie sich eine preiswerte Wohnung suchen und vom Auto trennen müssen. Seltsamerweise geht Fenn jedoch nicht näher auf die große Wende in Hans-Christophs Leben ein: Der Mann hat Theologie studiert und war bis zum vierzigsten Lebensjahr Pastoralreferent. Dann erfolgte ein radikaler Wechsel; er ist, wie er sagt, „aus dem Kosmos Kirche ausgestiegen“ und hat sich zum IT-Fachmann umschulen lassen. Die Gründe dafür werden jedoch nicht mal angedeutet; dabei sind Brüche dieser Art erfahrungsgemäß hochinteressant.

In anderer Hinsicht unterscheidet sich der Film jedoch wohltuend vom üblichen „37 Grad“-Stil: Wenn sich der Kommentar mit der Psyche der Protagonisten befasst, formuliert er keine Behauptungen, sondern Mutmaßungen: Corinnas Selbstbewusstsein „scheint erste Risse zu bekommen“. Hans-Christoph spricht von einem „tiefen Loch“, in das man fällt, wenn man „aus der Arbeit gestoßen wird“, und empfiehlt, sein Selbstwertgefühl nicht aus der Arbeit zu beziehen. Beide warten aber nicht ab, dass ihnen das Schicksal eine neue Chance bietet, sondern nehmen es selbst in die Hand.

Schicksal selbst in die Hand nehmen

Corinna zieht die richtigen Schlüsse daraus, dass es auf ihre Bewerbungen kein positives Echo gibt, und hat das Glück, einen Job zu finden, in dem ihr Alter kein Ausschlusskriterium, sondern sogar von Vorteil ist. Hans-Christoph wiederum wagt den Schritt in die Selbstständigkeit: Er ist ausgebildeter Mediator und will Seminare zum Thema Konfliktfähigkeit anbieten; ein Testlauf mit Freunden verläuft vielversprechend.

Während Corinnas Erzählung aus Sicht von Fenn dramaturgisch nicht besser hätte laufen können, weil es einen Anfang und einen Schluss gibt, der wiederum ein Neuanfang ist, hat Hans-Christophs Handlungsstrang ein offenes Ende, das Fenn auch weder filmisch noch im Kommentar auffängt; die Reportage hört quasi mittendrin auf, als sei dem Autor die Zeit ausgegangen. Trotzdem bietet er Zuschauern, die eine ähnliche Phase durchleben wie die beiden Protagonisten, nicht nur Denkanstöße, sondern auch praktische Lebenshilfe.

 

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