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„37 Grad: Hier ist noch lange nicht Schluss“ Früher war alles anders

„37 Grad: Hier ist noch lange nicht Schluss“: Nach dem NDR zeigt nun auch das ZDF eine Reportage über ein Dorf in Mecklenburg-Vorpommern, das bis heute unter den Folgen der „Wende“ leidet.

Hier ist noch lange nicht Schluss
In Postlow gibt es wenig Arbeit. Marlis (53) hat erfolgreich eine Apfelmosterei und einen Hofladen gegründet. Foto: ZDF/Daniela Agostini

Vor einigen Tagen hat sich der NDR mit exakt demselben Thema befasst, und selbst die Gegend ist die gleiche: Im Verlauf eines Jahres ist Daniela Agostini immer wieder nach Mecklenburg-Vorpommern gereist, um zu dokumentieren, was aus den vor über einem Vierteljahrhundert von Helmut Kohl versprochenen „Blühenden Landschaften“ geworden ist. Ähnlich wie die Macher der NDR-Reportage „Landliebe statt Landfrust“ konzentriert sich die „37 Grad“-Autorin dabei auf Menschen, die sich gegen das Aussterben ihres Heimatdorfs Postlow in der Nähe von Anklam wehren. Die 300 Seelen große Gemeinde ist zu weit von der Ostsee entfernt, um vom Tourismus zu profitieren.

Der Film beginnt zwar mit Aufnahmen verfallender Häuser, aber manche, heißt es im Kommentar, „krempeln die Ärmel hoch“. Zum Beispiel ein Ehepaar, das eine Obstmosterei mit Hofladen gegründet hat, aber angesichts der miserablen Ernte des letzten Jahres um seine Existenz bangen muss; nun haben die beiden noch ein Hofcafé eröffnet. Und dann ist da noch Oliver, 28, der im Gegensatz zu vielen anderen aus seiner Generation nicht weggezogen ist. Er lebt im geerbten Haus der Großeltern, direkt neben dem Elternhaus, und ist Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr; die Bilder von der Ausbildung des Nachwuchses sind fast identisch mit jenen aus der NDR-Sendung. Olivers Erinnerungen an seine eigene Jugend mit Fußball oder Schnitzeljagd und ohne Gameboy und Computer klingen fast zu idyllisch, um wahr zu sein.

Agostini zeigt auch Schattenseiten

Während „Landliebe statt Landfrust“ dem Titel gemäß vor allem Aufbruchstimmung verbreitete, zeigt Agostini auch Schattenseiten. Dafür steht in erster Linie ein 66jähriger Rentner, der das Schicksal vieler Menschen in der Nachwendezeit repräsentiert, als westliche Unternehmen die LPGs übernahmen und menschliche Arbeitskraft durch Maschinen ersetzt wurde. Die Folge für Ulrich und viele andere: Job-Odyssee und Arbeitslosigkeit; in seinem Fall kam während der Phasen ohne Arbeit noch ein Alkoholproblem dazu. Weil er nur niedrige Löhne erhielt, müssen er und seine Frau von einer entsprechend niedrigen Rente leben.

Als Protagonist ist der Mann fast interessanter als die anderen, weil seine Biografie voller Brüche ist, auch wenn sich viele Veränderungen in seinem Leben letztlich auf den Mauerfall zurückführen lassen; in der DDR, erinnert er sich, habe man sich um das „soziale Drumrum“ (etwa die Absicherung für den Lebensabend) nicht kümmern müssen. Seltsam nur, dass seine Frau bei den Gesprächen mehr oder weniger teilnahmslos daneben sitzt, als hätte sich die Autorin nicht für sie interessiert.

Anders als in den meisten sonstigen „37 Grad“-Ausgaben, die sich in der Regel auf höchstens drei Personen konzentrieren, stellt Agostini noch eine alte Frau vor, sodass alle erwachsenen Lebensphasen abgedeckt sind. Die 74jährige Ursula muss zwar am Schluss ihr gewohntes Leben hinter sich lassen, weil sich ihr gesundheitlicher Zustand verschlechtert hat, aber auch sie steht für ein dörfliches Miteinander: Ohne die Hilfe einer Nachbarin hätte sie schon längst in ein Altenheim ziehen müssen. Auch sie erinnert sich, etwa an die einstigen Dorffeste; nach der „Wende“ hätten sich die Menschen immer mehr ins Privatleben zurückgezogen. Mit Wehmut steht sie vor der Ruine der einstigen Dorfschule, die allerdings schon in den Achtzigern geschlossen worden ist.

Bei diesem Erzählstrang unterläuft Agostini eine klassische Text/Bildschere: Während im Kommentar die Rede davon ist, dass Ursula kaum noch die Treppe bewältigen kann, zeigen die Bilder, wie sie eigentlich ganz munter die Stufen runtergeht. Der gemeinsame Einkauf ist angesichts der kurzen Sendezeit zudem viel zu ausführlich, zumal die hilfsbereite Nachbarin ebenfalls Redeverbot zu haben scheint. Dafür ist der Text aus dem Off umso umfassender: Wie fast immer bei „37 Grad“ sind die Protagonisten oft nur Staffage für den allwissenden Kommentar; im Grunde würde es reichen, wenn die Menschen bloß nicken.

Bei aller Redseligkeit lässt Agostini dennoch eine klaffende Lücke; vielleicht, weil es in „37 Grad“ nicht politisch werden darf. Sie erwähnt zwar beiläufig die Wahlerfolge der AfD und erzählt, die Menschen hätten das Gefühl, „dass sich die Politik nicht um Dörfer wie Postlow schert“, aber gerade solche Sätze sollten eigentlich die Personen vor der Kamera sagen. Das Thema wird jedoch nicht weiter vertieft, stattdessen gibt es hübsche Herbstbilder und bemühte Zuversicht: „Neues Jahr, neues Glück“ zu den Aufnahmen vom gemeinsamen Verbrennen der Weihnachtsbäume und schließlich, passend zum Frühling, das Stichwort „Aufbruchstimmung“.

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