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24 Frames, Arte Bilder, die sich wieder bewegen

Der iranische Fotograf und Filmemacher Abbas Kiarostami machte 24 seiner Aufnahmen zu Episoden, die nun auf Arte zu sehen sind.

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Abbas Kiarostami (1940-2016), iranischer Filmregisseur, hier im Jahr 2014 in Cartagena. Foto: AFP

In der Zauberwelt von Harry Potter hängen keine gewöhnlichen Fotos an der Wand. Es sind Aufnahmen, die nicht nur den einen Moment festhalten, in dem der Fotograf auf den Auslöser gedrückt hat, sondern eine ganze Episode, gleich einer bewegten Erinnerung, die auch den Betrachter über den einen Moment hinaus bewegt.

Was Joanne K. Rowling für die Zauberwelt ihres Romanhelden erfand, hat der iranische Fotograf und Filmemacher Abbas Kiarostami mit seinen eigenen Fotos Wirklichkeit werden lassen. Allerdings nicht als bewegte Porträts an der Wand, sondern als ein knapp zweistündiger Dokumentarfilm, der in Deutschland nun erstmals auf Arte gezeigt wird (Kiarostami starb im Juli 2016). „24 Frames“ heißt das kunstvolle Ergebnis, das 24 ausgewählte Kiarostami-Fotografien Bild für Bild über den einstigen Moment der Aufnahme hinweg als 24 Episoden aneinanderreiht.

Ein toter Vogel und ein ganzes „Ave Maria“

Möglich gemacht haben es Kiarostami keine magischen Fähigkeiten, sondern digitaler Erfindergeist: Über drei Jahre hinweg hat er mit einem Team iranischer Techniker seine Fotografien mit aufwändigen 3D-Inserts und Green Screens zum Leben erweckt, getrieben von der künstlerischen, ja gar metaphysischen Frage, welche Vorstellungswelten sich hinter einem Bild verbergen. 

Das einzige, wohl aber Entscheidende, das in „24 Frames“ nun noch daran erinnert, dass die aufeinanderfolgenden Kurzanimationen ihren Ausgang in einer einzelnen Fotoaufnahme genommen haben, ist die Kameraeinstellung: Wie im Theater – wie ja auch bei einem Bild – bleiben Ausschnitt und Perspektive stets unverändert. Was sich ändert, bewegt und somit zur belebten Erinnerung des Fotografen wird, ist der so gerne festgehaltene Wellengang am kaspischen Meer, die Raben im Schnee oder auf der Straße, die durch die Leinwand ziehenden Hirsche in einer Winterlandschaft, über verschneite Felder galoppierende Pferde oder der Vogelzug über Industrielandschaften.

Mit der Relecture seiner Fotografien nimmt Abbas Kiarostami den Zuschauer von „24 Frames“ in den Moment seiner einstigen Aufnahme mit zurück, als lasse er ihn durch die eigene Kamera blicken, darauf wartend, welches Schauspiel sich wohl im Idyll der Landschaften darbieten wird. „Ich wollte ganz alleine mit der Natur sein. Gleichzeitig wollte ich die bezaubernden Augenblicke, die ich erlebte, mit anderen Menschen teilen. So begann ich, Fotos zu machen“, schrieb Kiarostami einmal über seine Motivation, zur Kamera zu greifen. Mit „24 Frames“ übertrifft er seine Absicht, indem er nicht nur singuläre Momente festhält, sondern sie zu jener Szene ausfaltet, die er selbst erlebt hat.

Oder die er nun, mit dem Abstand zwischen dem Enstehen des Fotos und der daraus  erzählten Episode, bewusst bricht. So bleibt es sein Geheimnis, ob er die Taube hinter einem Rollo wirklich ein ganzes „Ave Maria“ lang hinter der Kamera beobachtet hat, ob ausgerechnet die vereinsamte Möwe auf einem Pfahl im Meer wirklich einem Schuss zum Opfer gefallen ist, oder ob der Vogel im Schnee am Ende wirklich von einem Hund gefressen worden ist.

Ob nun historische Reminiszenz oder erzählerischer Bruch – so oder so ziehen Kiarostamis zu Szenen gewordene Fotografien in ihren Bann, weil sie mal tragisch-komisch, mal romantisch-pittoresk sind und dabei eine eigentümliche Spannung aufbauen, die bis zur letzten Minute hält.

24 Frames, Mo., 23:35 Uhr, Arte. 

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