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„100 Jahre Krieg in Nahost“ Verzerrte Geschichte

Arte zeigt eine Dokumentation des Korrespondenten Alexander Stenzel über das Sykes-Picot-Geheimabkommen und seine fatalen Folgen.

17.05.2016 08:04
Irit Neidhardt
Während des Ersten Weltkriegs entwarfen die Kolonialmächte am Reißbrett den Zuschnitt der arabischen Staaten, wie wir sie heute kennen, und entfesselten Widerstand, Terror und Krieg. Foto: SWR

100 Jahre Geschichte in 52 Minuten, ein Schweinsgalopp durch Landkarten, Computeranimationen, Archivfilme und Experteninterviews. Jeder Satz der gut recherchierten Informationssendung ist wasserdicht und das verwendete Archivmaterial sehr sehenswert – trotzdem stimmt da was nicht. In 100 Jahre Krieg in Nahost. Das Sykes-Picot-Geheimabkommen und seine fatalen Folgen erzählt der Regisseur und ARD Nahost-Korrespondent Alexander Stenzel eine nachvollziehbare, aber verzerrende Geschichte. Im Sykes-Picot-Abkommen von 1916 haben die damaligen Kolonialmächte Frankreich und England den Nahen Osten aufgeteilt, ungefähr halbe-halbe. Das Osmanische Reich war seit Mitte des 16. Jahrhunderts Herrscher über dieses Gebiet und bereits seit langem politisch und ökonomisch schwach. Das inner-europäische Geheimabkommen über die osmanischen Gebiete wurde 1918 mit der Besatzung der Levante umgesetzt.

Stenzels Sendung beginnt mit einem Video, in dem ein Jihadist einen syrisch-irakischen Grenzposten demontiert, die Flagge des Islamischen Staates hisst und Sykes-Picot für beendet erklärt. Die Dokumentation begründet den heutigen Terror mit der europäischen Kolonialpolitik und nennt den politischen Islam eine Reaktion auf die Besatzung. Das ist weder falsch noch richtig. Es ist eine Reaktion von vielen. Die Bandbreite der politischen Parteien und Bewegungen, die Anfang des 20. Jahrhunderts in der arabischen Welt entstanden, ist groß. Dazu gehört unter anderem die Baath-Partei, die von säkularer arabischer Seite oft für das Aufkommen des IS mitverantwortlich gemacht wird. Sie regierte den Irak mehrere Dekaden bis 2003 und sie ist die Partei des syrischen Machthabers Baschar al-Assad.

„Mit dem Eindringen der Kolonialmächte beginnt eine lange Geschichte des politischen Islam; des Terrors“, so der zentrale Satz in der Einleitung von 100 Jahre Krieg in Nahost. Kurz darauf heißt es, die „Christen in Uniform“ seinen nicht willkommen gewesen, aber Jahrzehnte geblieben. Dies sei der Anfang der Geschichte des arabischen Widerstandes, des bewaffneten Aufstandes und des islamistischen Terrors. Hat das Publikum keine Referenzpunkte in der arabischen Geschichte oder hinsichtlich politischer, sozialer, kultureller und ökonomischer Zusammenhänge, suggeriert der Film, islamistischer Terror sei arabischer Widerstand gegen christliche Besatzung. Es gab sicher Menschen, die in den Besatzern in erster Linie Christen sahen. Ebenso gab es beispielsweise säkulare Führungspersönlichkeiten des arabischen Widerstandes, für deren Politik ihre christliche Religion keine Rolle spielte und die sich politischer Fremdbestimmung sowie ökonomischer Ausbeutung entgegenstellten.

In seinem Buch Under the Black Flag. At the Frontier of the New Jihad geht der syrische Historiker Sami Moubayed, wie Stenzel, der Frage nach dem Entstehen des islamistischen Terrors nach. Auch er beginnt Anfang des 20. Jahrhunderts: „Das Kalifat ist abgeschafft. Mit diesen mächtigen Worten beendete der säkulare türkische Präsident Mustafa Kemal Atatürk das letzte offizielle Kalifat des Islam am 3. März 1924“. Atatürk habe sich wohl nicht träumen lassen, dass genau 90 Jahre später ein neues Kalifat errichtet würde. Das politische Ereignis, das für die gleiche historische Zäsur steht, ist im arabischen und im europäischen Narrativ unterschiedlich. Einer Dokumentation, die die Kritik an kolonialer Politik bereits im Titel trägt, hätte ein Verlassen eurozentrischer Erzählpfade gut zu Gesicht gestanden.

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