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Xing-Macher Hinrichs Für immer auf Neustart

IT-Wunderknabe Lars Hinrichs gibt bei Xing den Chefposten auf. Was gründet der Vorzeige-Unternehmer nun? Von Jan Söfjer

27.11.2008 00:11
JAN SÖFJER
Der Gründer und Noch-Vorstandschef von Xing, Lars Hinrichs. Foto: dpa

Vielleicht hat Lars Hinrichs als Kind einfach zu oft in den Backofen geschaut. Aus kleinen Teigklumpen wurden da in Vaters Backstube große runde Brötchen und duftende Brote. Das Beste: Sie wuchsen scheinbar von ganz alleine. Nur die richtigen Zutaten und die nötige Hitze - viel mehr brauchte es nicht. Eine erste Ahnung, was dieses Wissen mit ihm anstellen sollte, mag er 1989 gehabt haben.

Da sitzt der Sprössling einer alten Bäcker-Dynastie daheim im gutbürgerlichen Hamburg-Blankenese vor seinem Amiga 500. Und plötzlich ist sie da. Eine elektronische Botschaft. Eine E-Mail - via Modem, ganz altmodisch. Zur Erinnerung: 1989 gab es noch nicht einmal das World Wide Web. Das kam erst vier Jahre später. Noch nicht mal ein richtiger Teenager war er da und muss sich wie ein Pionier vorgekommen sein. Nicht viel später sollte er wirklich einer werden.

Heute backt der knapp 32-jährige Familienvater selber Brötchen. Keine kleinen. Hinrichs ist Firmengründer und Internetpionier. Sein Motto ist sein Firmenname: "Es ist möglich!" - auf Chinesisch: Xing.

Das Kleine-Welt-Phänomen

Xing.com ist eine deutsche Business-Plattform im Internet. Menschen stellen dort ihren Lebenslauf samt Foto online und zeigen, wen sie alles kennen. Das Spannende ist dabei die Frage: Wen kennen meine Bekannten alles? Oder deren Bekannte? Kleine-Welt-Phänomen nennt sich das. Jeder kennt jeden über sechs Ecken.

Der amerikanische Psychologe Stanley Milgram hat das in den Sechziger Jahren bewiesen, indem er Briefe im Land verteilte und darauf hoffte, dass sie alle den richtigen Empfänger erreichen würden - obwohl dessen Anschrift nicht vermerkt war. Die Idee: Jeder kennt jemanden, der wissen könnte, wo der Gesuchte wohnt. Durchschnittlich sechs Zwischenadressaten brauchte es, bis die Briefe ihr Ziel erreichten, so die Theorie zu Hinrichs' Geschäftsidee.

In der Tat ist es erstaunlich, über welche Wege man bei Xing mit wildfremden Menschen verbunden ist. Hinrichs sagt dazu: "Mich hat schon immer interessiert, welche Kontakte meine Freunde in ihrem E-Mail-Adressbuch haben." Und ohne Kontakte geht bekanntlich wenig in der Berufswelt.

So erstaunt es nicht, dass selbst die Finanzkrise dem Business-Portal nutzt - wenn auch der Aktienkurs von Xing seit Mai um fast die Hälfte eingebrochen ist. "Wir sind noch nie so schnell gewachsen wie aktuell", sagt Hinrichs, der mit tiefer Stimme und ruhiger hanseatischer Geste argumentiert.

Das börsennotierte Unternehmen kann sich blicken lassen: 170 Mitarbeiter, 6,5 Millionen Nutzer, davon eine halbe Million zahlende. Marktwert: 135 Millionen Euro. Es geht bergauf. In 16 Sprachen ist Xing zu bedienen. Ganz Europa soll sich vernetzen und dem großen US-Widersacher LinkedIn.com Paroli bieten. Nur einer möchte nicht mehr mitmachen: Hinrichs selbst. Im Januar steigt er als Vorstandsvorsitzender aus, verkündete er jetzt, und bleibt nur noch im Aufsichtsrat. Warum?

"Ich benötige immer etwas Neues und mein Turnus liegt bei circa fünf Jahren", erklärt Hinrichs der Frankfurter Rundschau. Der Mann muss neue Brötchen backen. Nur zu managen und zu lenken - das reicht ihm offensichtlich nicht. Hinrichs sieht sich als Pionier. Und seine Firma hat nun eine Größe erreicht, die viel Verwaltung braucht und seine Kreativität stark bindet. Zeit für ihn, von Bord zu gehen (mit 28 Prozent der Aktien).

Gerüchten, sein Abschied sei kein ganz freiwilliger, widerspricht er vehement, bedient sich aber der üblichen Business-Floskeln: "Jetzt haben wir die Chance, das Unternehmen mit einem sehr erfahrenen Manager weiterzuführen. Besser hätte es nicht kommen können." Große Erwartungen an seinen Nachfolger Stefan Groß-Selbeck, bisher Ebay-Chef von Deutschland.

Hinrichs hingegen nimmt sich eine Auszeit und wird wohl in seinem kleinen schwarzen Notizbüchlein stöbern, in das er schon lange seine Ideen schreibt. Vielleicht liest er auch wie damals, als er 23 war und gerade seine erste Firma an die Wand gefahren hatte, ein Buch. Vielleicht sogar das Gleiche: "The Tipping Point". Autor Malcolm Gladwell beschreibt darin, wie man jene kritische Masse erreicht, die ausreicht, damit eine Sache ab da von selbst läuft.

Hinrichs versteht etwas von dem Thema. Das zeigt nicht nur der Grimme-Preis, den er für sein erstes Online-Projekt "Politik Digital" bekommen hat oder die Auszeichnung als Deutschlands wichtigster Web-Gründer, verliehen von deutsche-startups.de. Die Internet-Wirtschaft beobachtet die Spekulationen über Hinrichs' nächstes Projekt gespannt.

"Es muss einfach sein, skalieren und es sollte eine Technikkomponente haben", sagt er. Aha. Was auch immer er aushecken mag, lange von der Bildfläche bleibt er bestimmt nicht verschwunden. Schon nach der Pleite in der New Economy prophezeite er: "Wir werden uns schnell wiedersehen."

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