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Wikipedia Tücken und Chancen des Schwarms

Die Mitmach-Enzyklopädie Wikipedia hat feine Mechanismen entwickelt, um sich selbst zu korrigieren.

Schwarm
Schwarmintelligenz hat Wikipedia zum wichtigsten Nachschlagewerk gemacht, dass längst den Beweis angetreten hat, sich mit den Klassikern wie Brockhaus messen zu können. Doch ist hohe Qualität durch kollektive Intelligenz ein Naturgesetz? Foto: epd

Klara Nowak war die längste Zeit eine „Frau in Rot“. Diese Farbe haben Links bei Wikipedia zu Namen und Begriffen, zu denen kein eigener Eintrag existiert. Der deutschen Krankenschwester und Aktivistin, die sich für Opfer der Nazi-Euthanasie einsetzte, ist seit kurzem eine eigene Seite in dem Online-Lexikon gewidmet: Ehrenamtliche trafen sich unlängst in Berlin und schenkten der deutschsprachigen Wikipedia in einem Editier-Marathon mehr als 80 neue Biografie-Artikel über Frauen.

Das Projekt „Frauen in Rot“ ist Teil des länderübergreifenden Versuchs der Wikipedia-Community, die Enzyklopädie besser zu machen. Denn auf einen Beitrag über eine Frau kommen fünf Artikel, die sich männlichen Persönlichkeiten widmen. Doch während das Gendergap kein Wikipedia-Spezifikum ist – viele klassische Nachschlagewerke haben und hatten hier ebenfalls großen Nachholbedarf - , kämpft das in weiten Teilen verlässliche Online-Lexikon auch 17 Jahre nach seiner Gründung immer noch mit den Risiken und Nebenwirkungen eines Projekts, an dem jeder und jede mitwirken darf – auch anonym: Zweifelhafte Quellen, fehlende Belege, geschönte Darstellungen, unterdrückte Fakten.

Einer der jüngsten Fälle: Im Wikipedia-Artikel über Sachsen verschwand vor wenigen Wochen ein Abschnitt über Rassismus, in einem Eintrag über ein Pegida-Mitglied wurde die Beschreibung „fremdenfeindlich“ durch „islamkritisch“ ersetzt. Beide Änderungen gingen von einem Dienstrechner aus dem Bereich des Sächsischen Verwaltungsnetzes aus, also von einem Arbeitsplatz in den Staatsministerien oder einer nachgeordneten Behörde, wie das Innenministerium des Landes bestätigte.

Kritiker wie Freunde des Online-Lexikons fühlen sich durch den Vorfall gleichermaßen bestätigt. Denn das Wikipedia-System erlaubt nicht nur anonymes Editieren, es sorgt auch dafür, dass jede Änderung an einem Artikel - 2,1 Millionen sind es inzwischen allein in der deutschsprachigen Version - nicht lange unbemerkt bleibt.

So zeichnet ein öffentlich einsehbarer Datenstream jeden Editiervorgang auf und informiert zugleich die „Sichter“ – jene Wikipedianer, die Aktualisierungen auf Plausibilität prüfen und notfalls einschreiten. Diese Kontrollinstanz hat die deutschsprachige Wikipedia-Community  eingeführt, um Vandalismus vorzubeugen. Seither sind Änderungen durch anonyme Nutzer nicht mehr sofort für alle Besucher sichtbar. Wer den Lexikon-Eintrag ohne Anmeldung aufruft, sieht stets die zuletzt geprüfte Version. Im Falle des Sachsen-Artikels dauerte es eine Minute, bis die Änderung rückgängig gemacht war.

Die problematische Löschung des Rassismus-Abschnittes über einen Dienstrechner im sächsischen Verwaltungsnetz war auch an anderer Stelle aufgefallen. Twitter-Bots wie „Bundesedit“, initiiert von Programmierern aus Frankfurt, behalten bestimmte IP-Adressbereiche im Auge und vermelden, wenn Artikel anonym aus den Netzwerken von Parlamenten, Regierungs- oder Landesstellen editiert werden. Bei der Affäre um den Sachsen-Artikel schlug der Twitter-Account @bundesedit Alarm, das Bundesinnenministerium sah sich daraufhin genötigt, den Fall zu prüfen.

Auch, wenn immer wieder Manipulationsversuche oder gar Fälschungen auffliegen: Verhindern lassen sie sich nicht. Das räumt auch Jan Apel ein, Sprecher der Betreiber-Organisation Wikimedia Deutschland. „Politische Einflussnahme ist möglich“, sagt Apel im Gespräch mit der FR, „aber das gilt für alle Seiten.“ Die kollaborative Form der Entstehung, in den Anfangsjahren der Wikipedia von vielen belächelt, trage dazu bei, qualitative Inhalte zu schaffen. Wikimedia setzt auf gegenseitige Kontrolle und Korrektur durch die Community und auf Transparenz, wie sie sich beispielsweise in der öffentlichen Versionsgeschichte eines Wikipedia-Artikels widerspiegelt.

In den Lehrerzimmern des Landes herrscht weniger Vertrauen in die Selbstregulierungskräfte des Systems. Dabei ist Wikipedia für Schüler längst zur Anlaufstelle Nummer 1 geworden. Für Heinz-Peter Meidinger, den Präsidenten des Lehrerverbandes, ist das völlig in Ordnung – solange das Online-Lexikon nicht die einzige Quelle bleibt, auf die zurückgegriffen wird.

„Wikipedia ist eine grandiose Idee“, sagt der Gymnasiallehrer, der selbst bereits selbst an der Enzyklopädie mitgearbeitet hat. Die Qualität der Inhalte aber, so sein persönlicher Eindruck, schwanke. Dass Schwarmintelligenz die Verlässlichkeit stärke, sei eben kein Naturgesetz.

„Ich beobachte mit Sorge, dass Schüler bei Wikipedia stehenbleiben und manche Lehrer das durchgehen lassen“, so Meidinger. Spätestens an der Hochschule müssten Abiturienten aber feststellen, dass die Mitmach-Enzyklopädie nicht als seriöse wissenschaftliche Quelle gelte. Die Fähigkeit, mehrere unabhängige Informationsquellen zu finden und zu bewerten, sei Grundvoraussetzung, um sich eine Meinung bilden zu können – und die Vermittlung dieser Medienkompetenz eine immer wichtigere Aufgabe der Schulen, so Meidinger.

Eine Anlaufstelle für die Suche nach zusätzlichen Quellen ist Wikipedia selbst, zumal die Zahl der weiterführenden Links deutlich gestiegen ist. In den Anfangsjahren habe die Community weniger Wert auf Belege gelegt, sagt auch Wikimedia-Sprecher Jan Apel. Das habe sich geändert.

Auch für das Schweizer Projekt „Wikibu“ gilt die Anzahl der Nachweise als ein Anhaltspunkt für die Verlässlichkeit deutschsprachiger Wikipedia-Artikel. Das Tool berechnet die Qualität eines Eintrags - allerdings ausschließlich anhand statistischer Angaben. Die inhaltliche Prüfung bleibt weiterhin der Schwarmintelligenz überlassen.

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