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Wikipedia „Riesiges Potenzial“

Tim Moritz Hector, Präsident von Wikimedia Deutschland, spricht im Interview über die Pläne des Netzwerks.

Computermaus mit Weltkarte
Weil Wikipedia-Inhalte immer häufiger bei Google und über Sprachassistenten angezeigt und vorgelesen werden, wird es für die Enzyklopädie immer schwerer, Nutzer zu finden, die noch Hand an das digitale Lexikon legen. Foto: epd

Herr Hector, wie geht es Wikipedia?
Wir stehen grundsätzlich ganz gut da. Wir haben in der deutschsprachigen Wikipedia 2,1 Millionen Artikel. 19 000 Ehrenamtliche engagieren sich für uns. Aber wir stehen natürlich auch vor Herausforderungen.

Welchen?
Wir sehen, dass zum Beispiel Google Inhalte von Wikipedia in seinen Suchergebnissen anzeigt. Das ist auch völlig in Ordnung, Google darf das. Auch Sprachassistenten wie Siri und Alexa verbreiten unsere Inhalte. Auch das ist in Ordnung. Das Problem dabei ist aber, dass Wikipedia als Urheber der Inhalte in den Hintergrund tritt. Darüber vergessen die Nutzer, dass sie die Inhalte nicht nur konsumieren sollten, sondern dass sie auch etwas zur Wikipedia beitragen sollten. Das ist schon eine Herausforderung.

Wie reagieren die Autoren und Spender, also diejenigen, die freiwillig beitragen, wenn jetzt Google die Inhalte offensiv einbindet und damit kommerziell von der Arbeit Freiwilliger profitiert?
Natürlich wird das kritisch diskutiert, ob das eigentlich die vorgesehene und gewünschte Nutzung war. Grundsätzlich ist es mit der Ideologie von Wikipedia aber schon vereinbar, dass Inhalte kommerziell verwendet werden. Ich persönlich würde immer sagen: Wenn das Wissen vermehrt und wenn dadurch mehr Leute mehr wissen, habe ich erst einmal gar nichts dagegen. Mich würde aber freuen, wenn es noch stärker kenntlich wäre, woher diese Inhalte kommen. Damit auch ein Bewusstsein dafür geschaffen und gestärkt wird, dass dieses Wissen nicht vom Himmel fällt, dass es schon jemanden geben muss, der sich in seiner Freizeit hinsetzt und das schreibt.

Inwieweit, können neue Technologien helfen, Wikipedia aktuell zu halten und neue Inhalte zu generieren?
Es gibt viele Wikipedia-Versionen, die auf botgenerierte Artikel setzen. Das lehnt die deutschsprachige Community bislang ab, weil ein persönlich geschriebener Artikel immer flüssiger zu lesen ist, mehr Querverbindungen hat, etc. Natürlich gibt es kleine Helferlein, die in der Entwicklung sind, die zum Beispiel Einwohnerzahlen automatisch aktualisieren. Und wir arbeiten gerade ganz stark daran, unsere Datenbank Wikidata mit Wikipedia zu verzahnen. Diese internationale Datenbank hilft dabei, dass Aktualisierungen nicht in zahlreichen Texten von Hand gemacht werden müssen, sondern dass es reicht, einen Datenbankeintrag zu aktualisieren. Das ist ein Beispiel für eine Technologie, die schon sehr weit fortgeschritten ist. Auch die automatische Korrektur von Rechtschreibfehlern oder die Identifizierung veralteter Weblinks ist technisch möglich.

Versuchen neue politische Gruppierungen mehr Einfluss auf die Inhalte zu nehmen?
Ich habe keine Daten dazu, aber mein Eindruck ist: ja. Einflüsse von demokratiefeindlichen Organisationen werden in der Community sehr intensiv diskutiert. Da hat die Community ein sehr hohes Bewusstsein dafür, dass das ein Problem ist. Wir erleben die Community als sehr wehrhaft und würden sie falls nötig auch mit unserer Rechtsabteilung unterstützen. Der Verein selbst nimmt aber keinen Einfluss auf die Inhalte.

Die Wikipedia-Seite wirkt inzwischen etwas veraltet. Ist da eine Überholung geplant?
Wir aktualisieren die Seite ständig, aber das ist ein langsamer Prozess, der global abgestimmt werden muss. Das ist ein Grund, warum wir immer etwas hinterherhinken. Auf der anderen Seite sind wir eine seriöse Seite, die gestalterisch nicht spektakulär daherkommen muss. Sie werden da keine bunten Sachen erleben. Wenn Sie bis ins Jahr 2002 zurückschauen, dann werden sie aber auch sehen, wie sehr sich die Seite verändert hat.

Jetzt haben wir über die Wikipedia geredet, welche Projekte treibt Wikimedia noch voran?
Wikimedia Commons ist das große Medienarchiv. Es galt lange als der Ablageort für Fotos oder Illustrationen für Wikipedia. Das wollen wir ändern. Wikimedia Commons wird als eigenständige Datenbank für Bildmaterial wahnsinnig wertvoll sein. Alles Material, was Sie da finden, ist von den Nutzungsrechten her für jeden, der will, einwandfrei nutzbar. Schon bald wird Wikimedia Commons sehr viel besser durchsuchbar sein und von der Optik her einen neuen Anstrich bekommen. Auch Wiktionary ist ganz groß im Kommen. Es ist schon jetzt eines der größten Wörterbücher im Netz und hat durch die Verknüpfung mit unserer Datenbank Wikidata riesiges Potenzial. 

Interview: Daniel Baumann

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