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Wikipedia Online-Lexikon Wikipedia wird 15

Das Online-Lexikon Wikipedia ist aus dem Internet kaum noch wegzudenken. Nun feiert die Online-Enzyklopädie ihren 15. Geburtstag - und kämpft gegen Autorenschwund und den oft ruppigen Ton unter den "Wikipedianern".

15.01.2016 10:21
Die Wikipedia wird 15 - und ist kaum noch aus dem Internet wegzudenken. Foto: dpa

Vom AAA-Rating bis ZZ Top: Die deutschsprachige Wikipedia umfasst heute gigantische 1,9 Millionen Artikel. Eine Milliarde Mal wird das Onlinelexikon im Monat aufgerufen, das schwarze «W» auf weißem Hintergrund fehlt wohl in kaum einer Lesezeichen-Sammlung im Internet. Auch international gehört die größte Enzyklopädie der Welt zu den meistgenutzten Websites. Zu ihrem 15. Geburtstag ist die Wikipedia nach Ansicht von Experten nun aber am Ende ihres rasanten Wachstums angekommen: Die wichtigsten Themen sind abgegrast, gestiegene Anforderungen und der raue Umgangston der Community schrecken viele Autoren ab.

Die Erfolgsgeschichte des spendenfinanzierten Wissensnetzwerks beruht vor allem darauf, dass die Menschen im Grunde nur auf ein solches Lexikon gewartet haben, wie der Bamberger Sprachforscher Martin Haase sagt. «Wikipedia war etwas, was alle brauchten und was zur richtigen Zeit erfunden wurde», erklärt er. «Neben Google als großer Suchmaschine war ein Nachschlagewerk das, was die Menschen im Internet am dringendsten brauchten.»

Auch das Prinzip einer freien Enzyklopädie, an der jeder Nutzer mitschreiben kann, hat sich nach Einschätzung des Forschers bewährt. «Am Anfang wurde ich noch als Spinner belächelt, weil ich an die 'Weisheit der Vielen' geglaubt habe», sagt Haase, der sich seit dem Start am 15. Januar 2001 mit Wikipedia befasst. Für seine Prognose, dass das Internet-Lexikon den gedruckten Brockhaus verdrängen werde, sei er noch 2006 verlacht worden.

Nach Ansicht der Betreiber spielt für den Erfolg die Aktualität eine entscheidende Rolle. «Die Wikipedia-Einträge gehen weit über Artikel in gedruckter Form hinaus, wie wir sie früher kannten», sagt Jan Apel von Wikimedia, dem hinter dem Projekt stehenden Förderverein. «Oft sind schon aktuelle Tagesereignisse wie zum Beispiel Geburten von royalen Kindern eingearbeitet, das kann ein gedrucktes Werk kaum leisten.» Die Beteiligung vieler Autoren, das sogenannte kollaborative Schreiben, sorge für eine Bündelung des weltweit verstreuten Wissens.

Einer aus dem Autorenschwarm ist der Frankfurter Karl-Heinz Wellmann. Der Journalist ist seit 2004 dabei, hat inzwischen etwa 400 Artikel zu Wissenschaftsthemen verfasst und betreut mehr als 2.000 weitere als einer von etwa 240 sogenannten aktiven Administratoren. «Anfangs bin ich da eher so reingeschliddert, um Kontakte für die Recherche zu knüpfen», erzählt der 61-Jährige. «Ich habe einfach drauflosgeschrieben, damals gab es ja noch keine Fußnotenpflicht. Mit meinem Wissen habe ich dann ex cathedra ganze Bereiche selbst aufgebaut. Und dann konnte ich nicht mehr aufhören damit.»

Mehr als 16.000 "Wikipedianer"

Insgesamt gibt es laut Apel mehr als 16.000 «Wikipedianer». Einige Hundert von ihnen versammeln sich einmal im Jahr zum Branchentreffen WikiCon, um ihre Erfahrungen auszutauschen. «Es ist unglaublich zu sehen, wie viel Herzblut da rein fließt», sagt der Wikimedia-Sprecher. «Ein Autor hat mir einmal vorgeschwärmt: 'Ich habe das sinnvollste Hobby der Welt: mein Wissen mit anderen zu teilen.'»

Allerdings plagen das Projekt Nachwuchssorgen: Die Zahl neuer Schreiber geht ebenso zurück wie die der sogenannten Premium-Autoren mit mehr als 100 Bearbeitungen im Monat. Einige sind nach Angaben der Experten wegen des ruppigen Umgangs in den Diskussionen aus der Community ausgestiegen. Allerdings macht sich hier laut Haase in letzter Zeit ein Wandel bemerkbar. Der Wissenschaftler führt den besseren Ton unter anderem auf den höheren Anteil von Frauen unter den Wikipedianern zurück. Beziffern lässt sich dieser aber nicht, da die meisten Verfasser unter Pseudonym schreiben.

Einer der Hauptgründe für den Autorenrückgang ist wohl, dass die meisten Artikel inzwischen geschrieben sind. «Vielfach sind nur noch exotische Themen offen, die viel Fachwissen erfordern», sagt Wellmann. «Die Nebenflüsse des Kongos dritten Grades sind wahrscheinlich noch nicht beschrieben, aber die Nebenflüsse des Rheins hat man halt alle. Da noch etwas Neues reinzubringen, wird immer schwieriger.» Die Arbeiten zur Pflege vorhandener Einträge seien dagegen oft stumpfsinnig und wenig attraktiv für Neueinsteiger. Auch die höheren Ansprüche an die Qualität der Texte schreckten viele ab.

Entsprechend sehen es die Initiatoren als eine ihrer wichtigsten Aufgaben an, neue Autoren anzuwerben. «Wir wollen Freiwillige unterstützen, mit kleinen Aktionen wie Literaturstipendien, aber auch mit Großveranstaltungen wie der WikiCon», sagt Apel. Zu tun gebe es noch genug. Die Community hat ausgerechnet, dass insgesamt 100 Millionen «enzyklopädisch relevante Artikel» geschrieben werden könnten, wie der Sprecher sagt: «Da ist also noch viel Potenzial.» (epd)

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